Mami, Mami, an meiner Avocado klebt Blut!

Die finstere Wahrheit über das grüne Superfood

Zeit für eine Avocado-Kritik: Als Superfood gehyped sind Avocados von keinem Sonntagsbrunch mehr wegzudenken – gut für Gaumen und Gesundheit hierzulande, aber schlecht für die Umwelt und Farmer in ihren Herkunftsländern, die die Konsequenzen der gigantischen Nachfrage nach Avocados tragen müssen.

Avocado-Kritik

Plötzlich sind sie überall zu sehen: Avocados. Aufwendige Avocado-Rosen hier, saftig-süße Avocado-Brownies dort und natürlich Guacamole über Guacamole. Zusätzlich zu neuen Trendrezepten mit Avocados wurde plötzlich sogar der völlig banale, aber genauso leckere Avocado-Toast in den kulinarischen Hipster-Olymp erhoben und tausendfach fotografiert, geteilt und verspeist. Jeder, der sich und seinem Körper etwas Gutes tun wollte, hat sich mit Avocados eingedeckt, losgeschlemmt und das selbstverständlich fotografisch dokumentiert.

Avocado-Kritik
Foto: Shutterstock / Nataliya Arzamasova

Hierzulande hat man diesen Hype um Avocados als, wie so oft, kurzlebigen Superfood-Trend abgetan und die Augen beim x-ten Hipster mit so richtig innovativer Avocado-Tomaten-Ei-Stulle verdreht. In Mexiko hingegen hatte die nie dagewesene, internationale Nachfrage nach dieser einzigartigen Frucht weit schlimmere Folgen. Höchste Zeit, sich damit zu beschäftigen. Höchste Zeit für eine Avocado-Kritik!

Illegale Abholzung und Wasserknappheit

Avocado-Kritik
Foto: Shutterstock / Laurin Rinder

Die extrem hohe Nachfrage durch diesen Hype hat es für die mexikanischen Farmer nämlich lukrativer gemacht, Avocados statt anderer Früchte anzubauen. Um also mehr Platz für den Avocado-Anbau zu schaffen, ignorieren die Farmer in Michoacán – Mexikos Hauptproduktionsort für Avocados und eine der weltweiten Avocado-Hochburgen – die bestehenden Gesetze und holzen ausgewachsene Kiefernwälder ab, um stattdessen junge Avocado-Bäume zu pflanzen.
Diese Abholzung ist – wer hätte das gedacht – hochgradig schädigend für die Umwelt. Ein bestehender Wald benötigt nämlich weder Dünger noch Pestizide, um zu wachsen und zu gedeihen, und wandelt große Mengen an Kohlenstoffdioxid in Sauerstoff um, der uns ja bekanntlich ganz gelegen kommt. Im Gegensatz dazu brauchen Avocado-Plantagen regelmäßig chemische Keulen und zusätzlich Unmengen an Wasser, was wiederum die örtlichen Wasserreserven drastisch schrumpfen lässt. Um nur ein halbes Kilogramm Avocados, also in etwa zwei oder drei mittelgroße Früchte, anzubauen, braucht es fast 300 Liter an Wasser!
Übrigens: Die durstigen kleinen Gaumenfreuden bringen auch nicht nur die Wasserstände in Mexiko an ihre Grenzen, sondern auch in Kalifornien. Hier sind Avocados und Mandeln die Früchte, die am meisten Wasser verbrauchen.

Avocado-Kritik: Das gefährliche Geschäft mit dem Superfood

Avocado-Kritik
Foto: Shutterstock / Joloei

Zu der Umweltproblematik gesellt sich die nicht minder unangenehme Frage, was denn die Avocado-Farmer eigentlich vom lukrativen Geschäft mit den Hipster-Früchten haben.
Und lukrativ ist es in der Tat: Zwischen 2012 und 2013 wurden Avocados im Wert von fast einer Milliarde US-Dollar in die USA exportiert. Mit Avocados wird sogar mehr Geld gemacht als mit dem guten alten Marihuana. Darum hat sich dann auch prompt das Drogenkartell Caballeros Templarios in den Handel mit dem grünen Gold eingeschaltet, und mehr noch, es kontrolliert diesen jetzt. Und zwar durch Erpressung und Gewalt. Für jedes produzierte Kilo Avocado und jeden Hektar an Farmgröße müssen die Farmer einen vom Kartell bestimmten Betrag zahlen, der noch höher ist, wenn sie ihre Avocados exportieren. Das Geschäft mit der Erpressung lohnt sich für die Verbrecher: In manchen Gemeinden nehmen sie so jährlich mehrere Millionen US-Dollar ein, wenn sie sich nicht sogar ganze Produktionsstätten unter den Nagel reißen. Zu Spaßen ist mit dem Kartell dabei nicht: Verhandelt wird nicht, und wer nicht zahlt, dessen Sohn/Tochter/Ehepartner “verschwindet” und wird früher oder später tot oder gar nicht aufgefunden.
Mit dem Kauf einer Avocado fließt also ein sehr großer Teil des Ertrags, der eigentlich den Farmern zustehen würde, tatsächlich in die die Taschen des Kartells, ganz zu schweigen von den existentiellen Ängsten um das eigene Leben, das Leben der Familie und des Bestehens des Familienbetriebes.

Arbeitsbedingungen

Avocado-Kritik
Foto: Shutterstock / Javi Indy

Was man auch bedenken sollte beim Kauf einer Avocado, sind die Arbeitsbedingungen der Produktionshelfer. Fakt ist, wir wissen so gar nichts über die Umwelt- und Arbeitsbedingungen, mit denen sich gesichtslose Arbeiter in gefühlt weit entfernten Galaxien auseinandersetzen müssen, damit wir uns mit Avocados verköstigen können. Aber wir alle kennen zu viele Geschichten über minimalste Bezahlung bei übermäßig langer Arbeitszeit, verunreinigtem Wasser und Pestiziden, die dem gesamten Organismus schaden. Wenn du dir jetzt denkst “Na, dann schau ich halt, dass meine Avocado nicht aus Mexiko kommt!”, dann ist da immer noch die Frage, ob die Arbeitsbedingungen in Chile, Peru oder der Dominikanischen Republik besser sind.

Fazit

Je weiter der Weg, den unser Essen zurücklegen muss, bis es auf unserem Tisch landet, desto weniger können wir wirklich seine Herkunft, die Auswirkungen auf die Umwelt und die Produzenten sowie die Hintergründe nachvollziehen. Das ist kein Aufruf dazu, jegliches importiertes Essen zu boykottieren, das in unseren Breitengraden schlicht nicht angebaut werden kann. Aber es ist ein starkes Argument gegen die ständigen Superfood-Hypes, auf die sich dann die ganze Welt stürzt. Genuss ja – aber in Maßen!
Wenn man sich doch die ein oder andere Avocado, Ananas oder Banane gönnen will, sollte man beim Einkauf nach dem Fairtrade-Label Ausschau halten. Dieses Label ist deine Garantie, dass die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung der Produzenten besser sind, als die vieler anderer Mitstreiter in der Branche. Bei Bio-Avocados ohne das Fairtrade-Label kann man zwar davon ausgehen, dass weder die Arbeiter noch die Umwelt der ständigen Belastung durch wiederholtes Sprühen von Pestiziden ausgesetzt waren, dies sagt aber leider nichts über die Arbeitsbedingungen und den Lohn aus.

Avocado-Kritik
Foto: Shutterstock / Marekuliasz

Von einem ernährungs-technischen Standpunkt aus ist es auch schlicht nicht unbedingt notwendig, Avocados aus Mexiko, Goji-Beeren aus China oder Quinoa aus Bolivien gleich zu neuen Grundnahrungsmitteln zu küren. Die enthaltenen Vitamine und Nährstoffe sind nämlich auch in unserem regionalen Obst und Gemüse enthalten, man muss sich nur ein wenig schlau machen. Esst ihr Avocado zum Beispiel wegen des hohen Gehalts an Vitamin E, könnt ihr stattdessen auch zu Sonnenblumenkernen, Haselnüssen, Spinat und vielem mehr greifen. Es gibt eine riesige Auswahl an Nahrungsmitteln, die uns eine ethische Alternative zu Avocados bieten, und auch noch in unserem Land angebaut werden.

Wenn wir eine neue Hipster-Trend-Speise kaufen, dann dürfen wir nicht nur auf unsere persönliche Gesundheit und Wohlbefinden achten, sondern auch auf das der Regionen, in denen sie produziert werden.

Birgit
Ute Unentschieden

Ist notorisch unentschlossen. Die Frage, ob man heute lieber den blauen oder grauen Pulli anziehen soll, kann einen aber auch aus der Bahn werfen. Deswegen geht Einkaufen auch gar nicht, da stehen zu viele Entscheidungen an. Außer wenn es um Bücher geht. Und Essen für den Sonntagsbrunch. Und Tee. Der hilft auch immer, wenn die Vergesslichkeit mal wieder zuschlägt: Wo ist eigentlich mein Schlüssel? Ach, das war heute?! Puh, erstmal durchatmen und zur Ruhe kommen mit dem Lieblingstee im passenden Kännchen. Versteht sich von selbst. Und Schokolade. Viel. Schokolade.

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