Etikettenschwindel: Was verbirgt sich in unseren Nahrungsmitteln?

Lieber eine Portion Skepsis statt Holzzellulose

Drei Jahre ist es her, dass die hiesigen Supermärkte mit ihren Pferde-Lasagnen die Schlagzeilen dominierten. Seitdem hat sich einiges getan, und wir können unsere Nahrungsmittel sorgenfrei genießen. Richtig geraten, das war natürlich Sarkasmus. Die Lebensmittelindustrie tischt uns so viel Müll wie eh und je auf.etikettenschwindel

Schokoriegel mit Karamell – und Plastik

Deine Zähne durchbrechen die zartschmelzende Schicht aus Schokolade, arbeiten sich durch das Karamell zu der Schokocreme vor uns da ist es: ein schmackhaftes Stück Plastik, das die Herzen aller Süßigkeiten-Liebhaber höher schlagen lässt. Zuletzt sorgte Mars Chocolate in Deutschland für Aufruhr, als der US-Konzern eine großangelegt Rückrufaktion startete, nachdem eine Frau aus Deutschland ein Stück Kunststoff in einem Riegel des Herstellers gefunden hatte.

Mars befindet sich in Punkto Rückrufaktionen in bester Gesellschaft: In der letzten Zeit gab es unter anderem Aufregung um Metallsplitter in Pfeffer-Schnittkäse und Salmonellenbelastungen bei Bio-Sonnenblumenkernen sowie Gourmet-Salami, ganz aktuell geht es um lebensgefährliche Bakterien in H-Milch, eine Rückrufaktion läuft bereits.

Doch solch groß angelegte Rückrufaktionen sind es nicht, um die wir uns sorgen müssen. Vielmehr jene Etikettenschwindel, die totgeschwiegen werden, sollten uns Kummer bereiten.

Darf es vielleicht ein bisschen Holzzellulose zu den Spaghetti sein?

parmesanNein? Dann solltest du in den Staaten lieber einen großen Bogen um Pasta und Pizza
machen. Ein Hersteller von Parmesan hat den Holzzellstoff nämlich verwendet, um bei der Produktion Kosten zu sparen. Publik wurde das Ganze nur deshalb, weil ein ehemaliger Mitarbeiter  des Käseherstellers Castle Cheese den Skandal an die amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde geleakt hat. Der 100-prozentige Grated Parmesan beinhaltete kein bisschen des italienischen Hartkäses, sondern wurde aus Schweizer Käse, weißem Cheddar, Mozzarella und lecker Holzfasern hergestellt. Die Folgen für Castle-Cheese-Präsidentin Michelle Myrter? Bis zu ein Jahr Haft und eine Strafe von 100.000 Dollar. Böse Zungen könnten behaupten, dass die Strafe lächerlich gering angesetzt wurde.

Nach dem Bekanntwerden des Falls ließ die Nachrichtenagentur Bloomberg verschiedene Parmesanprodukte testen. Surprise, surprise: Mehrere der Testobjekte enthielten Holzzellstoff von bis zu acht Prozent.

Ein Herz für Tiere

Besonders Vegetarier und Veganer sollten besser zweimal hinsehen – und zwar nicht nur auf die Verpackung. Diverse Gesetzeslücken erlauben Verarbeitungsstoffe tierischen Ursprungs ohne jegliche Kennzeichnung. Ob Gelatine im Saft oder Schweineborsten bei der Brotherstellung – die Lebensmittelindustrie hat ein Herz für Tiere.

Ein Teller, randvoll mit Hormonen und Antibiotika

Hmmm, lecker. Heute gibt es ein paar Antibiotika zu Mittag. Äh, Entschuldigung, wir meinen natürlich ein großes Stück Fleisch. Nachdem die Tiere von klein auf mehr Pillen einwerfen, als sämtliche Insassen eines Seniorenheims zusammen, verspeisen wir die Spuren der Medikamente einfach mit. Dazu vielleicht ein Gläschen Wein, gepanscht mit etwas Glykol? Das süß schmeckende Diethylenglykol findet eigentlich in Frostschutzmittel seine Verwendung, machte aber in den 80ern einen kleinen Ausflug in die hiesigen Weinflaschen.

Wer braucht schon Haltbarkeitsdaten?

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Mitte der 90er eroberte der Metrokonzern die Schlagzeilen, nachdem er sich dazu entschloss, abgelaufenes Fleisch einfach mit neuen Etiketten zu versehen. Ein Jahrzehnt später dachte sich eine Firma aus dem Süden von Berlin „Was Metro kann, können wir schon lange“ und brachte über längere Zeit überlagerte Lebensmittel mit einem neuen Ablaufdatum in den Handel. 2005 wollte sich auch Real mal an der Metro-Taktik versuchen und machte in zwei Märkten Hackfleisch wieder haltbar. Alles Kindergarten – von dem Münchner Döner-Lieferanten, der im großen Stil Fleisch vertrieb, das seit vier Jahren abgelaufen war, können sie sich alle noch eine Scheibe vergammeltes Fleisch abschneiden.

Die größten Werbelügen

Actimel bringt das Immunsystem auf Vordermann, Activia die Verdauung in Schwung und Becel senkt den Cholesterinspiegel – Werbelügen gibt es zu genüge. Natürlich könnte man meinen, dass Konsumenten nicht alles blind glauben, was die Werbeindustrie so von sich gibt. Ausnahmen gibt es jedoch immer. Es kommt schließlich nicht von irgendwo, dass der in Kinderschokolade enthaltenen Kindermilch besonders viele Vitamine nachgesagt werden (Hallo RTL2!). Wozu noch Sport machen, wenn es allerlei Produkte gibt, die unseren Körper rank und schlank machen? Wer gesund in den Tag starten will, der macht dies am besten mit einem Fitnessmüsli – bis obenhin voll mit Zucker.

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Und der Goldene Windbeutel geht an… (© foodwatch.org)

Goldener Windbeutel für Werbetäuschungen

Keine Sorge liebe Etikettenschwindler, auch ihr habt Auszeichnungen verdient. Die Verbraucherorganisation foodwatch verleiht euch für die dreistesten Werbetäuschungen gerne einen Goldenen Windbeutel. Während es zuletzt etwas ruhiger um die Auszeichnung wurde, durften sich von 2009 bis 2013 Actimel, der Monte Drink, Ferreros Milchschnitte, Hipps Instand-Früchtetees und die Capri-Sonne über einen Goldenen Windbeutel freuen.

Skandale für die Nachhaltigkeit

Jeder neue Skandal der Lebensmittelbranche erweckt zumindest in einigen Menschen ein steigendes Bewusstsein für gesunde Ernährung. Wir wollen wissen, was sich in den Produkten befindet und nachhaltig konsumieren. Es kommt nicht von irgendwo, dass die Straßen von immer mehr Biomärkten besiedelt werden und selbst Discounter inzwischen stattliche Bio-Linien im Sortiment haben. Was sich in diesen dann tatsächlich verbirgt, ist wieder eine andere Geschichte.

Claudi
Vielfraß

Essen, Reisen und Sport. Gutes und Gesundes. Regelmäßiges Reisen, möglichst ohne Tourist zu sein. Thaiboxen statt Yoga. Bewusster Konsum. Selbst hämmern und sägen. Und backen. Brutal ehrlich und ein fürchterlicher Klugsche*sser.

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