Katzenvideos und der gesellschaftliche Frieden

In meiner (Generation-Y-) Erinnerung gibt es das Internet, seit ich mir das erste Mal Webseiten auf einem Collegeblock abschrieb, um sie bei einer befreundeten Familie meines Vaters in den Computer (!) mit ISDN-Verbindung (!!) in den Internet Explorer (…) einzugeben. Es waren Zeiten, in denen ich, der digitale Spätzünder (12 Jahre), inklusive aller „h“, „t“, „p“, Doppelpunkte und Schrägstriche, Ziffer für Ziffer und Letter für Letter einer Webseite, die ich auf Google gefunden hatte, in die Suchleiste eingab und das Internet für bedienerunfreundlich und wenig zukunftsweisend hielt (Hilfen wie Copy-Paste und das Klicken auf einen Google-Link waren wenig später wie eine Offenbarung).

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To(we)r zum Internetz

Erste (Welpen-)Schritte im Internet

Ich erinnere mich an das erste Video, das ich im Internet sah, einen Affen, der seinen Zeigefinger an sein Rektum hält, um kurz danach daran zu riechen und überwältigt von dem Baum zu fallen, auf dem er sich eben noch befunden hatte. Ein eindrückliches Erlebnis, und womöglich schon ein Wegweiser zur Freude, die ein Video mit drolligen oder putzigen Tieren nicht nur bei 12-jährigen Generation-Y-ern (damals „Kein-Bock-Generation“) bis heute hervorruft. Mein Herz geht auf, wenn ich dämliche, tapsige Hundewelpen sehe oder sogar erwachsene Katzen, die Laserpunkten auf dem Teppich hinterherjagen, als wäre Polen in Gefahr.

Tiervideos sind eine gesellschaftliche Verabredung, ein unausgesprochener Konsens. Selbst hartgesottenste, spaßfremdeste Akademiker können sich ein seliges Lächeln nicht verkneifen, wenn sich zwei Katzenbabys gegenseitig pflegen.

katzenbabys
Zum Niederknien

Der rote Faden des Internets

Aber was macht die Tiervideos zum roten Faden des Internets? Der populären Erklärung, dass sie uns vom Leid und der Unordnung der Welt ablenken, möchte ich folgen. Nur glaube ich, geht es noch etwas tiefer. Eine Welt, in der Terror und Zukunftsängste sowie kriegstreiberische, orientierungslose Politiker regieren, braucht eine Ausflucht, bei der man den Kopf ausschalten kann. Bei der ein bisschen Schönheit und Sorglosigkeit in den Alltag Einzug hält. Wenn wir Katzenvideos anschauen, sind wir an unsere eigene Kindheit erinnert (oder daran, wie sie hätte sein sollen), an das impulsive, spaßgetriebene Verhalten, zu dem wir uns seit diesen Tagen nicht mehr bemüßigt fühlten. Wir brechen für einen Moment aus und klettern wieder in die warmen Arme unserer Mutter, die uns beruhigt und uns sagt, dass alles wieder gut wird.

Eine Flucht, ja, eine Aufrechterhaltung der geltenden Zustände durch Ablenkung (vgl. eigentlich alles, was wir heutzutage als Medien bezeichnen). Aber vielleicht auch eine Chance. Ein derart all- (Bildungs-, Einkommens- und ethnische Gruppen) umfassendes Phänomen kann Symbol werden. Symbol für Zusammenhalt, für Zugehörigkeit. Uns ein bisschen näher zusammenrücken lassen, gesellschaftliche Verabredungen von Unterschieden als Illusion entlarven und so ein bisschen Frieden zu stiften.

(Titelbild gesehen bei Grzegorz Komar, flickr.com)

Jonas
Schnittlauchzüchter a.D.

Man muss Jonas nur ein Stichwort geben und gleich faselt er los, von Gott und unserem schönen blauen Globus und Geburtenraten und Gelenkwellenmittellagern, bis er bei unseren Ureltern Adam und Eva angekommen ist. Und keiner ist klüger als zuvor. Aber ihm machts Spaß, also lasst ihn doch, verdammt noch eins!

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