Vegetarisch. Vegan. Was soll das eigentlich?

Ich bin jetzt schon seit 5 Jahren Vegetarierin. Für mich hat sich tatsächlich nicht so wirklich viel geändert, außer, dass ich regelmäßig von meinem Vater italienischen Schinken geschenkt bekomme und in Dorf-Gaststätten gefragt werde „Aber Hühnchen isste doch, ne?“. Aber eigentlich habe ich zu Hause selten Fleisch gegessen, und Fastfood auch nur in den Ferien – in der Kleinstadt gibt’s halt kein zentrales McDonalds. Das fand ich auch ok und so habe ich über mein Essverhalten eigentlich nie so richtig nachgedacht. Ich meine, wer denkt denn auch schon darüber nach, wie der Salat denn so gewachsen ist, den man gerade auf die Gabel pickt…

Aber heute leben immer mehr Menschen bewußt vegetarisch oder vegan. Ist das eine Modeerscheinung? Müssen sich jetzt alle Fleischkosumenten schlecht fühlen?
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Vegetarisch oder vegan leben – wie kommt man darauf?

Nach einem heißen Sommer in Berlin, in dem ich gefühlt fast täglich bei KFC Burger für 2 € aß, habe ich mich gefragt: wie geht das eigentlich? So günstiges Fleisch? Jaja klar, Tiere essen gehört ja zum Menschsein dazu, Steinzeit, normal, das braucht der Mensch. Tiere sind dazu da, um vom Menschen gegessen zu werden. Und haben auch eh keine Gefühle. Ist das so? Muss man vorgegebene Sachverhalte, die sich von Eltern und Großeltern, Bekannten und Freunden bei uns eingeschliffen haben, weitertragen? Hm.

Es gibt ja so unglaublich viele verschiedene Herangehensweisen ans Essen: „Paleo-Diäten“, Rohkost, Vegetarismus, Veganismus und was es für zahlreiche Mode-Lebensstile gibt – da ist es schwierig, Überzeugungen Anderer ernst zu nehmen oder sich wirklich mal mit irgendwas zu beschäftigen.

Aber immer mehr Menschen verzichten auf Fleisch, besonders Frauevegetarisch-oder-vegan-himbeeren und jüngere, höher gebildete Menschen. 2001 änderten 4.000 Menschen pro Woche ihre Ernährung (und das war schon vor 15 Jahren!). VegetarierInnen definieren sich unterschiedlich: Es gibt welche, die essen Fisch (warum Meerestiere nicht zu den Tieren gehören sollen, war mir aber nie so recht schlüssig); welche die nur pflanzliche Lebensmittel, sowie Produkte von Tieren wie Milch und Eier (Ovo-Lakto-Vegetarier) essen; und welche, die keine Milch, aber Eier zu sich nehmen (Ovo-Vegetarier); oder die Leute, die Eier essen, aber keine Milch trinken (Lakto-Vegetarier). Gemeinsam ist auf jeden Fall allen, dass sie Lebensmittel aus toten Tieren ablehnen. Immer – egal, wie gut der Festtagsbraten riecht.

Und dann gibt es noch die VeganerInnen, sie verzichten komplett auf tierische Produkte. Genau genommen schließt das sämtliche Produkte ein, wie z.B. auch Kleidung aus Leder, Wolle oder Seide. Ach ja, und außerdem gibt es noch eine hohe Dunkelziffer von Flexitariern: ein Freund von mir lebt eigentlich Vegetarisch, rutscht aber immer wieder ab und landet dann doch beim Steak. Vegetarisch oder Vegan leben kann sich also an Regeln aufhängen, genauso gut kannst du aber auch einfach tun was du kannst, und dich deinem gewünschten Lebensstil immer weiter annähern.

vegan-vegetarischIch finde, jedeR sollte seine Ernährungsweise so definieren, wie er oder sie möchte.

Wenn Fisch dein Lieblingsessen ist, du aber sagst, du willst generell vegetarisch leben – tu das. Wenn du unbedingt deine Chemie-Salami auf dem Brötchen magst, kauf sie dir. Bei mir gibt es zum Beispiel das Problem, dass ich eigentlich nicht möchte, dass andere Lebewesen nur wegen meines Wunsches nach Luxus, leckerem günstigen Essen und Ritualen wie den Sonntagseiern leiden müssen. Trotzdem bin ich nur Teilzeit-vegan: Käse esse ich so gern (vor allem im Frankreich Urlaub), und Kuchen ist halt einfacher mit Eiern.

Aber konsequent finde ich das nicht. Also auch mich selbst finde ich nicht ‚echt‘ in meinen Gedankengängen. Wenn ich keine Tiere essen will, weil es sie quält, sollte ich ja auch nicht wollen, dass für meinen Lieblings-Ziegenkäse wahrscheinlich die Ziegen im Massengehege gequält werden.
Dabei gibt es total gute Alternativen zu Tierprodukten – nein, Vegetarier leiden nicht an Körperschwäche und ständigem Hunger. Nein, ich ernähre mich nicht nur von Salat. Und auch die Zutaten sind nicht total extrem und schwer zu finden. Wenn die Entscheidung gegen sämtliche Tierprodukte fällt, ist es schon schwieriger, einkaufen zu gehen. Vieles muss beachtet werden, aber auch das geht irgendwas in ‚Fleisch und Blut‘ über. Und es gibt so wahnsinnig tolle vegetarisch oder vegan inspirierte Rezepte! Super lecker und einer der einfachsten Kuchen der Welt ist z.B. der vegane Rüblikuchen.

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Spargel-Süßkartoffel-Quiche, Rezept & Foto gesehen bei veganguerilla

Wie kommt man denn überhaupt auf den Gedanken, dass Tiere vielleicht doch nicht nur als menschliches Futter auf der Welt sind?

Zum einen gibt es da diese Idee von Ethik gegenüber Leben – die Tiere, die am Ende in deiner Knackwurst und den fein geschnittenen Puten-Scheiben mit Pfefferrand landen, leben in grausamer Massenhaltung. Ja klar, hat man jetzt auch schon tausendmal gehört, aber ist halt so. Die Hühner stehen ihr ganzes Leben lang in einem winzigen Käfig, die Fläche ist so groß wie ein A4 Blatt. Fische sterben selten durch das Messer, sondern zappeln lebend auf Eis in Markthallen um ihr Leben oder werden durch Tonnen anderer Fische zerquetscht. Kühe haben, neben ihrem unwürdigen Leben in der Massentierhaltung, oft schon als kleine Kälber eine wilde Fahrt zum Schlachter hinter sich – egal in welchem Alter, werden sie aber oft durch Messerstiche im Hals getötet und sollen ausbluten. Die Liste ist lang, aber ich möchte gar keinen Pathos-Artikel schreiben. Trotzdem sollte es uns allen bewusst sein, was wir da so zu uns nehmen.

Seltsam finde ich auch diese Doppelmoral.

Besonders gut kann ich das aus einer Vorlesung beschreiben: Wir beschäftigen uns mit Gehirnaktivitäten und Physiologie. Der Professor stellt eine Studie vor, bei der die Gehirnaktivitäten von Katzen aufgezeichnet werden. Konkret heißt das, dass die Kätzchen narkotisiert wurden, ihre Schädeldecke geöffnet wurde und dann mit einer Elektrode ins Hirn gepiekt wurde um die Aktivität abzuleiten. Und plötzlich geht ein Raunen durch die Zuhörerschaft, alle sind schwer erschüttert und bemitleiden die arme Mietze. Von „voll schrecklich“ bis „wie gemein!“ war alles dabei. Zwei Stunden später sitzen sie alle in der Mensa und essen Hühnerfilet aus der Großproduktion mit Rosmarinkartoffeln. Hühner sind jetzt in Deutschland nicht süß, dürfen also gegessen werden. Bei Katzen wär schon ein Experiment, geschweige denn Verzehr ganz schlimm. Da passt das Argument: „Tiere sind halt zum Essen da“ nicht so gut.

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Ein weiterer Grund, weshalb viele seit neuerem auf Fleisch verzichten: Es ist einfach gesünder. Inzwischen ist das Fleisch voll mit Antibiotika, Hormonen und Beruhigungsmitteln. Was wir in unserem Leben immer zweimal bedenken – „soll ich jetzt echt Antibiotika gegen die Nasennebenhöhlenentzündung nehmen? Dadurch breiten sich doch Resistenzen aus und irgendwann helfen die Antibiotika gar nicht mehr gegen die Bakterien. …“ – schaufeln sich viele jeden Tag durch das Fleisch in den Körper. Was das Fleisch außerdem so ungesund macht: sobald die die Kuh erstochen und die Schweinshaxe abgetrennt ist, stirbt auch das Fleisch. Es geht in Verwesung über. Ist ja ganz logisch. Abhängig von den Lagerungsbedingungen, wie z.B. der Temperatur, fault das Fleisch und es entstehen Gifte. Diese werden von KonsumentInnen aufgenommen und landen direkt im Darm. Wen die gesundheitlichen Gründe noch interessieren, kann sich im Internet noch ein bisschen mehr belesen – man könnte darüber ganze Bücher schreiben. Denn es ist eben nicht mehr so wie früher, wo der Bauer im Dorf seine Schweine auf dem Hof hatte und man direkt bei ihm gekauft hat. Die Fleischherstellung ist undurchsichtig und immer mehr auf Quantität statt Qualität gerichtet.

vegetarisch-oder-vegan-blumenkranzViele Menschen leben auch vegetarisch oder vegan, weil sie abnehmen möchten. Es gibt viele Gründe auf Fleisch bzw. massenproduzierte tierische Produkte zu verzichten. Ich möchte meinem Kind nicht beibringen, dass töten auch was Gutes sein kann. Ich finde, es ist ein guter Beitrag zu meiner CO2-Bilanz, auf den „Klimakiller Kuh“ zu verzichten. Ich habe ein gutes Gewissen.
So richtig gut wäre es aber, wenn ich es mal schaffe, mehr auf Milch und Eier zu verzichten. Aber das kommt noch, irgendwann klickts.

Schließlich muss jedeR selbst wissen, was für sie oder ihn vertretbar ist.

Wichtig ist nur, sich ab und zu mit den Konsequenzen des eigenen Handelns zu beschäftigen. Sonst macht ja alles keinen Sinn.

P.S.: Filmtipp
Wer sich gerne von beeindruckenden Bildern berieseln lässt, kann Nachrichtensprecher Claus Kleber nach Indien begleiten. In der ZDF-Dokumentation „Hunger“  beschäftigt er sich mit der Nahrungsmittelverteilung und -produktion in der Welt. Sehr empfehlenswert!

 

 

Das Titelbild wurde illustriert von Niky Roehreke, gesehen bei refinery29.com



Sophia
Die Räubertochter

Sophia taumelt zwischen Konzerten, Flohmärkten und Versuchspersonenstunden hin und her und versucht das Leben im Zaum zu halten – oder vielleicht ist es auch andersherum. Wenn sie nicht in Psychologie-Vorlesungen sitzt, treibt sie meist Unfug mit Texten, Musik oder FreundInnen und will Sachen machen. Die überzeugte Vegetarierin und selbsterklärte Ästhetikerin ist auf der Suche nach dem Besonderen im Leben und versucht uns mit Ideen, Tipps und Inspiration bei Laune zu halten.

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