Das Kuschelhormon Oxytocin: Vertrauen als Nasenspray

Das „Kuschelhormon“ Oxytocin stärkt Vertrauen, macht uns sozial kompetenter und führt angeblich auch zu besserem Sex. Womöglich ist es sogar eine Art Allheilmittel gegen Phobien und Krankheiten wie Autismus. Ist unser Seelenleeben doch nur reine Biochemie?

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Oxytocin prägt uns schon vor der Geburt

Genau genommen wird unser Leben schon von dem Kuschelhormon beeinflusst, bevor wir überhaupt das Licht der Welt erblicken: Beim Sex sorgt Oxytocin für ein Gefühl tiefer Verbundenheit und höchster Glücksgefühle, Faktoren, die doch wesentlich dazu beitragen, regelmäßig in die Kiste zu hüpfen.
Wenn das erfreuliche Resultat ein gemeinsames Kind ist, wird dessen Zukunft ebenfalls durch das Kuschelhormon beeinflusst: Während der Schwangerschaft wird der Körper der werdenden Mutter weiterhin von dem Neurohormon überflutet und sorgt für Glücksgefühle und einen mentalen Ausnahmezustand. Wehen, Milchproduktion, emotionale Bindung zwischen Mama und Kind – alles wird durch Oxytocin beeinflusst.

Mehr als ein Schwangerschaftshormon

Es kommt also nicht von ungefähr, dass Oxytocin jahrzehntelang als „Wehenhormon“ bekannt war, es wird auch heute noch gezielt eingesetzt, um beispielsweise Wehenschwäche oder Verzögerungen bei der Geburt entgegenzuwirken.
Allerdings sind sich Forscher heute darüber einig, dass es noch viel mehr kann, als das: Oxytocin stärkt nicht nur die Paarbindung und das dazu nötige Vertrauen, sondern macht uns auch insgesamt sozial kompetenter, empathischer, beseitigt Stress und Angst sowie Aggressionen. Daher der Name „Kuschelhormon“.

„Oxytocin spielt für das Zusammenleben aller Menschen eine große Rolle. Es wirkt prosozial, fördert also ein positives soziales Miteinander.“, sagt Professorin Inga Neumann, Neurobiologin an der Universität Regensburg.

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Doch auch die Bezeichnung „Kuschelhormon“ wird dem Potential der körpereigenen Droge bei Weitem nicht gerecht. Neumann fand beispielsweise heraus, dass Oxytocin bei Mäusen Erinnerungen an traumatische Erlebnisse auslöschen kann. Könnte so etwas auch beim Menschen funktionieren? Das wäre gleichbedeutend mit einer Revolution auf dem Gebiet der Psychotherapie.

Pionier der Kuschelforschung

Professor Markus Heinrichs von der Universität Freiburg löste 2005 mit einer wissenschaftlichen Arbeit einen lawinenartigen Forschungs-Boom aus.

„In den vergangenen Jahren wurden extrem viele Studien durchgeführt und inzwischen arbeiten weltweit über 100 Forschergruppen zu Oxytocin“, erklärt er. Definitiv erwiesen ist die prosoziale Wirkung des Hormons: Ein Stoß aus einem Oxytocin-Nasenspray reicht aus, um das Einfühlungsvermögen und die Vertrauensseligkeit zu steigern. „Es ist ein Hormon der Nähe, welches von entscheidender Bedeutung bei Blickkontakt, Empathie oder angenehmen Berührungen ist“, so Heinrichs.

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Viele ungelöste Fragen

Die Erforschung des therapeutischen Potentials von Oxytocin steckt noch in den Kinderschuhen. Die Wissenschaft hält Hilfe auf den Gebieten der Depressionen, Schizophrenie und der Borderline-Persönlichkeitsstörung für möglich. Linderung von Ängsten und Verbesserung des emotionalen Verhaltens bei Autisten gelten als erwiesen. Französische Forscher gaben letzeren Oxytocin und sie konnten Blickkontakt länger halten und die damit einhergehende nonverbale Kommunikation besser einschätzen.

In die Nase? Besser nicht.

Bei der künstlichen Gabe des Hormons übersteigt die Dosis das natürliche Level mitunter um ein hundertfaches. Deshalb raten Forscher dringend davon ab, sich den Stoff einfach in die Nase zu jagen. Das eigene Hormonsystem könnte dadurch gestört werden. „Oxytocin kann nur bei bestimmten Menschen und in Kombination mit einer geeigneten Psychotherapie helfen“, betont Heinrichs. Er sieht zwar gute Chancen, dass das Hormon künftig Einzug in die Therapie finden könnte, bewertet den Einsatz aber noch als verfrüht. „Es wird noch viel Zeit, Geld und Geduld nötig sein, bis dieses sehr komplexe Hormon ausreichend gut erforscht ist.“

Daniel
Der Professor

Daniel leidet unter chronischem Fernweh, weil er seiner Reiseleidenschaft aus finanziellen Gründen viel zu selten nachkommen kann. Seinen überdurchschnittlich gesunden Lebensstil versucht er an Wochenenden durch die ein oder andere Party zu kompensieren. Er ist, seit er denken kann, Vegetarier und kann mehr über Antioxidantien und Aminosäuren erzählen, als über das aktuelle Weltgeschehen.

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