Contemporary Embroidery

Let's stick together!
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Cactigoals! Foto: Sarah K Benning

CONTEMPORARY EMBROIDIWAS?

Was hat sie denn da schon wieder für einen komischen anglizistischen Hype-Terminus rausgekramt?

Ok, ich geb’s zu, das neuste, schnieke DIY-Ding kann natürlich auch mit einem deutschen Begriff genauestens definiert werden. Zeitgenössische Stickerei trifft es wohl auf den Punkt. Nun ist Stickerei aber irgendwie so ein nichtsagendes Wort, etwas angestaubt noch dazu. Und wird der liebreizenden Kunst, die den gemeinen Kreuzstich nutzt, um augenzwinkernd Motive aus allen sub- und popkulturellen Nischen von Williamsburg bis Kreuzkölln auf den Stoff zu bringen, bei weitem nicht gerecht.

Also: Embroidery, weil hier wirklich richtig filigran gestickt wird. Und Contemporary, weil die gestickten Motive aktueller und zeitgenössischer kaum sein könnten.

Da tummeln sich anatomisch korrekte Darstellungen menschlicher Organe neben erdfarbenen Waldbewohnern neben behäbigen Walfischen neben der visuellen Nomenklatur deutscher Speisepilze, wie wir das bis jetzt nur von großformatigen Prints im Bio-Unterricht-Schulposter-Gedächtnis-Look kennen und lieben.
Stillleben, eingefangen mit Nadel und Faden, zeigen Interiors voller spitzer Kakteen, Sukkulenten und grober Keramik – textil gewordene Schnappschüsse, irgendwo zwischen Hipsterbutze, Bohemian Chic und Vintagewunderland, die, gerade im Zeitalter von Instagram und Snapchat, die omipräsenten Selfies und Shelfies gekonnt entschleunigen. Der durchgestylte Hype um inszenierte #home #living und #interiordesign Wohnungen wird ironisch interpretiert durch ein Medium, das ja eigentlich gar keines ist – gebannt auf Stoff, unvergänglich, analog, für die Ewigkeit und ohne Filter.

Es scheint, als erlebten all die in der spießigen Handarbeitsschublade vergessenen Künste gerade der Reihe nach eine Rennaissance – vor Jahren schon ging es mit Nähen, Stricken und Häkeln los, dann wurde gewebt und pompomisiert, es werden Freundschaftsbändchen geknüpft und cropped Tops gebatikt. Und nun ist also das Sticken an der Reihe. Die Palette der Stickkunst ist groß, ich mag mich hier auch gar nicht in den Tiefen und Weiten verlieren, mich mit folkloristischen Ethnodetails mexikanischer Leinenblusen beschäftigen oder die Motive auf flämischen Kaffeetischdeckchen besprechen. Der Fokus soll heute, ganz simpel, auf klassischen Stickrahmen liegen.

Ok, mit einer kleinen Ausnahme vielleicht, einem kurzen Exkurs zu Izziyana Suhaimi, die auch schon mal Stoff gegen Papier tauscht, zarte, starke Frauen mit Graphit auf selbiges bannt und dann drauflos stickt, als gäbe es kein Morgen mehr – Herzklopfen und Girlcrush! – doch seht selbst:

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Die Meisterin der Stickkunst kann zwar auch mit Stoff und Rahmen, doch berühmt wurde sie ihre Werke mit Bleistift und Papier: Izziyana Suhaimi verzaubert durch ihre detailreichen Portraits. Foto: Izziyana Suhaimi
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Und weil’s so schön ist, das es fast schon weh tut: Zwei weitere Kunstwerke von Izziyana. Foto: Izziyana Suhaimi

Selber machen oder kaufen?

Ganz und gar bezaubernd, was die junge Singapurianerin da an kreativem Output raushaut. Hach!

Nun aber zurück zu den runden Stickrahmen, derentwegen ich überhaupt erst angefangen habe, ein wenig zu recherchieren und diesen Post zu schreiben.
Wie so oft bin ich auch hier wieder einmal hin- und hergerissen, ob ich selbst die Sticknadeln wetzen soll, ein wenig Fingerkuppen-Yoga zum aufwärmen turne und loslege mit einem runden Stickbildchen für rechts nebens Bett (also da stelle ich es mir zumindest ganz fabelhaftigst passend vor…).
Oder ob ich mir einfach eines bestelle.

Da stellt sich nun wiederum die Frage, welches der allerliebsten Stickbilder käuflich erworben werden soll (akute Entscheidungsprobleme bei mir, immer, egal ob’s nur um die Sushiauswahl oder gar die Wandfarbe geht), und zweitens keimt schon beim bloßen Gedanken ans Fertiges-Ding-kaufen das zarte Pflänzchen schlechten Gewissens in mir, bin ich doch von Haus aus Grafikerin, überzeugte Selbermacherin und Handarbeits-Autodidakt, und schäme mich irgendwie, ein fertiges Bild zu bestellen.
Nicht, weil ich die Arbeit der einzelnen Künstler nicht wertschätze, im Gegenteil. Und auch der finanzielle Aspekt spielt nicht mit, gerade weil ich weiß, wie viel handmade wert ist und wert sein muss. Vielmehr sehe ich mich ja ehrlich gesagt schon ganz meditativ versunken mit Stickrahmen, Garn und Stoff meine Hummervorlage (ich möchte bitte einen Hummer auf meinem Stickbild) übertragen und tiefenentspannt drauflos sticken.
Lediglich der Zeitfaktor könnte mir einen Strich durch den Doppelten Steppstich machen, denn irgendwie nehme ich mir immer viel mehr Sachen vor, als der Tag Stunden und der Monat Tage hat, und – Holladiewalfdee! – ist es bereits April und ich habe immer noch keine mollig warmen Wintersocken gestrickt. Ein ähnliches Schicksal des langsamen Verblassens auf meiner kreativen To-Do-Liste soll dem Stickbild erspart bleiben, und deswegen werde ich vielleicht doch eines kaufen.
Einen Hummer habe ich bisher zwar noch nicht gefunden, aber dafür einige andere umwerfende Werke, frei von zu viel süßer, zuckerrübensirupiger Niedlichkeit und altbackenem Hausfrauencharme:

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Mädchen mit Bärenmaske von Odd Ana Stitch
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Komplexe Flechtfrisuren sind ohne fremde Hilfe einfach nicht zu realisieren. Foto: Odd Ana Stitch
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Rachael Dobbins Stillleben mit Kamin und Enten
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Mein Favorit: Blümchen mit Botschaft. Foto: Moonrise Whims
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Ebenfalls in meinen Top 3: Der hellblaue Hai. Foto: Moonrise Whims
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Medizinisch wertvoll und ebenfalls von Moonrise Whims ist dieser Torso
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Und wo wir gerade schon von Medizin sprechen: Mc Dreamy und Mc Sexy hätten ihre helle Freude an den anatomisch korrekten Kreuzstichen aus Österreich! Foto: Hallodribums
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Emillie Ferris zaubert mit zartem Stich Wald- und Wiesenbewohner auf den Stoff. Und zwar sowohl anonyme Tierchen, wie den kleinen Fuchs, aber auch Auftragsarbeiten wie den winzigen Igel, der hier gerade sein fertiges Portrait bestaunt. Foto: Emillie Ferris

Die besten Stick – Tutorials

Glücklicherweise bleibt es schlußendlich jedem von uns selbst überlassen, ob er in ein fertiges Bild investieren möchte oder sich lieber selbst kreativ ans Werk macht.
Erleichtert wird der Einstieg in die Hohe Kunst des Stickens definitiv durch die bezaubernden Stickmuster, von filigranen Blumenmustern bis zu geometrischen Formen, über Typographie und Dackelmädchen, die zu Hauf bei Etsy zu finden sind – oft schon für nen Appel und n Ei, als PDF zum downloaden.
Mal gibt es einzelne Muster, mal ganze Abos, die einmal monatlich ein neues Stickmuster bescheren. Besonders schöne Vorlagen gibt es, wie ich finde, bei Gulush, bei Sarah K. Benning, bei Hallodribums! und bei Odd Ana Stitch.
Die Anleitungen sind gut gemacht und erläutern leicht verständlich auch Anfängern, wie die einzelnen Stiche entstehen. Und wer zuerst einmal üben möchte, bevor es an komplexere Motive geht, findet hier eine hilfreiche Übersicht zu den verschiedenen Stickstichen, eine Auflistung aller benötigten Materialien und Tipps, wie man die Vorlage am besten auf den Stoff überträgt.

Also, Mädchen und Jungs, ran an die Nadeln! Let’s stick together!

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Kristalle sind ja gerade ein mindestens so begehrtes Motiv wie im letzten Jahr Ananas und Dinosaurier. Kein Wunder also, dass sie nun auch auf Stickbildern zu finden sind. Foto: Sarah K Benning
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Mit einer Handvoll Zubehör, schönem Garn und einer Vorlage steht einer Karriere als Stickerin nichts mehr im Wege. Die Kristalle sind das PDF des Monats März von Sarah K benning und als Anleitung in ihrem Shop zum Download erhältlich. Foto: Sarah K Benning
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Foto: Sarah K Benning
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Minimalistisches Meer von Cinder and Honey
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Perfekte Geschenkidee zu Hochzeit, Taufe oder zum Umzug: ein Familienportät, ganz aus Kreuzstichen, dieses hier ist von Curious and Catcat.

 

Sibylle
Rotkäppchen

Hat einen Faible für schöne, unnütze Dinge – und ist somit bei Zitronenzauber zuständig für Deko und Interior, Lifestyle und ästhetisches Allerlei. Ihre andere große Leidenschaft: Essen. Also Essen essen. Und Essen machen. Und drüber schreiben. Yum. Geht immer: Bier, Käse und Schokolade. Flamingos. Überhaupt alles was Rot ist. Reisen. Riesenräder. Geht gar nicht: Bananen. Winter und kalt. Bananen. Und Bananen.

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