Choose life. Choose love. Choose T2 Trainspotting?

Ein Wiedersehen mit Mark, Spud und Simon. Nach 20 Jahren. Kann das gut gehen?

Am 16. Februar 2017 kommt nach über 20 langen Jahren die Fortsetzung des Kultfilms Trainspotting in die Kinos. Mit Fortsetzungen ist das ja oft so eine Sache… Die meisten hätte man besser nicht gemacht. Doch wie ist das mit T2 Trainspotting? Kann der was, verglichen mit dem grandiosen ersten Teil? Zitronenzauber knows best, denn wir haben den Film vorab für euch geguckt!

20 years later… Foto: Empire Cinema

Lust for Life

August 1996. Es sind Sommerferien, die Sonne knallt vom Himmel. Das könnte ein perfekter Tag für den See sein. Könnte. Denn aus zuverlässiger Quelle (auch bekannt als „Bravo“, denn damals, lange vor Facebook, Instagram, Twitter und Co., erfuhren Teenagermädchen ALLE wichtigen Dinge aus der Bravo) haben meine Cousine und ich vom Kinostart eines kontrovers diskutierten, verruchten „Drogenfilms“ gelesen, in dessen bis dato unbekannten, super süßen Hauptdarsteller-Schnuckel wir uns augenblicklich verliebten und somit dringendst, trotz 30 Grad im Schatten, in die Nachmittagsvorstellung mussten. Für die 20-Uhr-Vorführung waren wir noch zu jung, für den ominösen Film namens „Trainspotting“ eigentlich auch.

Zufälligerweise hatte ich einige Wochen zuvor beim Schüleraustausch in England klobige Dr Martens Stiefel und eine Winzigkeit an Schottenkaro-Röckchen erworben, dazu ein bauchfreies Shirt („Cropped Top“ nennt man das heute wohl) und ein halbes Pfund Schminke („Primer“ und „Concealer“ auf Neudeutsch) im Gesicht – und schon war ich dem Anlass entsprechend so overdressed und offensichtlichst zu jung, wie nur eben möglich – und kam trotzdem in den Film. Und raus mit einem staunend weiten Mündchen, einem wachen Geist und einer gierigen Sehnsucht nach dem Leben jenseits der süddeutschen Provinz. Ob T2 Trainspotting ähnliches mit den Teenies von heute machen wird? Vermutlich nicht.

Good old times. Foto: thefashionisto.com

Only 80s kids will remember

Damals, das klingt jetzt ein wenig hart und überspitzt, aber sagen wir’s doch einfach mal so, wie’s war, damals gab’s ja noch nichts. Also nicht nur kein fancy Social Media, sondern auch kein Internet, keine Smartphones und kein Netflix, kein exzessives Bingewatching – nichts.

Dieser Film, der sich noch als episches Meisterwerk der Filmgeschichte entpuppen sollte, traf uns unvorbereitet und unverhofft. Sowohl aus cineastischer, als auch aus inhaltlicher Sicht: Regisseur Danny Boyle entführt den Zuschauer in Welten, die es, so intensiv, verstörend, verherrlichend und abschreckend, faszinierend und glamourös zugleich, bisher noch nicht zu sehen gab.

Abstoßender Ekel und surreale Schönheit paaren sich zu einem visuellen Feuerwerk sämtlicher existenter Emotionen – bestes Beispiel ist die legendäre Toilettenszene, in der Mark Renton, tapfer und seiner Sucht treu ergeben, dem eben ausgeschiedenen, geliebten Opiumzäpfchen hinterhertaucht, als ginge es um sein Erstgeborenes.

T2-Trainspotting
Auch die siffige Clubtoilette hat in der Fortsetzung wieder eine Nebenrolle inne. Foto: Sony Pictures Releasing GmbH

Then and now

Die Schnitte, die Musik, das Kolorit, die Bildsprache – Danny Boyle hat mit Trainspotting die eigene Messlatte so hoch gehängt, dass es ihm selbst schwer fallen dürfte, nochmal an den frühen Erfolg anzuknüpfen.
Keine Frage, The Beach und Slumdog Millionär sind großartige Filme – aber eben kein zweites Trainspotting. Und ob die offizielle Fortsetzung, T2 Trainspotting – in Zeiten, in denen wir Filme und Serien wie billiges Fast Food, ohne zu kauen, der visuellen Völlerei frönend, verschlingen – noch Euphorie auslösen oder gar Kultstatus erreichen kann, ist fraglich.

Ist halt doch 20 Jahre her, die gute alte Zeit mit Mark und Sick Boy, Diane, mit meiner Cousine und mir. Das kleine Kino von damals gibt’s nicht mehr, stattdessen ist da jetzt die Filiale eines Drogeriemarktes, die fünfte in der Stadt.
Und auch mich gibt’s in der kleinen Stadt nicht mehr. Ich wohne jetzt in der großen Stadt. Manchmal, ganz selten, bin ich noch zu Besuch in der kleinen Stadt. Weil jemand heiratet. Oder jemand gestorben ist. Und das ist auch genau der Punkt, an dem T2 Trainspotting beginnt und seine Daseinberechtigung erlangt. Nein, dieser Film musste nicht sein. Wirklich nicht. Aber jetzt ist er nun mal da, und das ist gut so.

Foto: Sony Pictures Releasing GmbH

First There Was an Opportunity. Then There Was a Betrayal.

Marks Mutter ist gestorben, also kehrt Mark 20 Jahre, nachdem er seine Freunde um 16 000 Pfund betrogen hat, zurück nach Edinburgh.

Und so ist das eben, wenn man zurück nach Hause kommt. Man wird ein Stück weit wieder das Kind, das man war, bevor man ging. Trifft alte Freunde wieder. Verfällt in alte Muster, alte Rollen, aus denen man eigentlich längst entwachsen schien. Und manchmal, da macht man auch alte Fehler noch einmal. Wie war das? Erst ist da die Gelegenheit, dann der Betrug.

Gerade weil eine Fortsetzung des grandiosen ersten Teiles nicht nötig war – der hätte einfach für sich, als surreales, hedonistisches Porträt einer Gruppe drogenaffiner, verlorener Jungs aus der schottischen Arbeiterklasse stehen bleiben können – muss dieser Film nichts, er kann. Und er kann jede Menge.

Was ist in den letzten 20 Jahren alles passiert? Während aus meinem Kino eine Drogerie wurde und aus Britannien Brexitland? Während ich in die Welt hinauszog? Was macht Mark heute? Und Spud? Und Sick Boy? T2 Trainspotting versucht gar nicht erst, den ersten Teil zu übertrumpfen oder ihm nachzueifern. Diese Fortsetzung ist einfach da und nimmt uns mit ins Edinburgh des Jahres 2016.

Wiedersehen in Leith

Und wir sehen sie wirklich alle wieder. Diane und Begbie und Sick Boy, der jetzt Simon heißt, und Mark und Spud und Gail.

Iggy Pop’s Lust for Life wird angeteasert und plötzlich kommen nicht nur bei den gealterten Helden Erinnerungen hoch, die sich durch zahlreiche Rückblicke, Überblendungen, noch mehr Musik, Anekdoten und belanglose Kommentare (Diane zu Mark über seine potentiell neue Bettgespielin: „Die ist zu jung für dich.“ – Muahahaha, ja, nee, is klar!) wie ein roter Faden (oder eine laaange Line schottisches Koks) durch den Film ziehen.

Plötzlich ist die siffige alte Clubtoilette wieder da, und die Fahrt aufs Land, nur diesmal ohne Tommy, und auch den Pub gibt’s noch, denn weggentrifiziert wurde hier noch nichts – zu wenig hip, zu viel White Trash.
Und so wie wir uns zu Hause an jeder Straßenecke, jedem Club, der Bushaltestelle oder der Parkbank an die guten alten Zeiten – weißt du noch, damals? – erinnern, so erinnert sich auch Mark und wir uns mit ihm mit.

T2-Trainspotting
Foto: Sony Pictures Releasing GmbH

Choose life?

Die glorreichen Zeiten, in denen Mark, Spud und Co.  jung, frei und (gefühlt) unsterblich waren sind vorbei. Was kommt da noch, wenn man plötzlich mittelalt ist, und mittelgebildet, mittelgesund und mittelverheiratet? Und alles plötzlich nur noch Mittelmaß ist? Und trotzdem erst die Hälfte des Lebens vorbei ist, aber offensichtlich die aufregende Hälfte? Was fängt man mit weiteren 30, 40 Jahren Lebenszeit an, wenn man mit sich selbst nichts mehr anzufangen weiß?

Ein trauriges Spiegelbild unserer Generation, die partout nicht erwachsen werden will, und unserer Gesellschaft, in der ein obsessiver Jugendkult propagiert wird und in der „alte“ Menschen keinen wirklichen Platz mehr haben…

Nicht jeder macht Karriere, nicht jeder wird reich. Oder glücklich. So ist das Leben. Es ist nicht fair, oder gerecht. Es muss auch immer die Verlierer geben. Und natürlich auch die Gewinner. Manchmal kann man sein Schicksal beeinflussen, mal ist das Leben einfach ein Arschloch. Und manchmal ist da erst eine Gelegenheit, und dann der Betrug.

T2-Trainspotting
Ewen Bremner (Spud), Jonny Lee Miller (Sick Boy),  Anjela Nedyalkova (Veronika) und Regisseur Danny Boyle bei der Premiere von T2 Trainspotting auf der Berlinale. Foto: Promicabana

Yes, please!

T2 Trainspotting ist ein Film für all jene, die den ersten Teil geliebt haben und sich in den letzten 20 Jahren immer mal wieder gefragt haben, was denn aus den Helden von damals geworden ist.
Es ist kein Film für all jene, die noch nicht mal geboren waren, als er in die Kinos kam. Also, anschauen können sie ihn natürlich trotzdem, sie werden ihn nur nicht fühlen. Da hilft auch Sick Boys junge Geliebte/Geschäftspartnerin/Prostituierte als Identifikationsfigur für die Millenial-Babys nichts. Alle anderen werden ihn nicht nur fühlen, sondern mit Gänsehaut und diesem wohligen warmen Gefühl in der Brust belohnt, das man auch bekommt, wenn plötzlich aus dem Nichts heraus etwas nach Kindheit riecht und Erinnerungen wachkitzelt.

Mr. Boyle, herzlichen Dank für die Einladung! Es war wundervollst, endlich mal wieder da zu sein, die Jungs wiederzusehen! Und umso schöner, nach zwei Stunden wieder weg zu dürfen, zurück in unser eigenes Leben, das, das wir uns ausgesucht haben.

 

 

Sibylle
Rotkäppchen

Hat einen Faible für schöne, unnütze Dinge – und ist somit bei Zitronenzauber zuständig für Deko und Interior, Lifestyle und ästhetisches Allerlei. Ihre andere große Leidenschaft: Essen. Also Essen essen. Und Essen machen. Und drüber schreiben. Yum. Geht immer: Bier, Käse und Schokolade. Flamingos. Überhaupt alles was Rot ist. Reisen. Riesenräder. Geht gar nicht: Bananen. Winter und kalt. Bananen. Und Bananen.

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