Wenn Piloten Fliegen lernen, Vol. VIII: Marseille

Ein Pilot ist die erste Folge einer Fernsehserie. Er soll den Mund wässrig machen und alle wichtigen Themen bespielen. Er ist die Serie im Miniformat.

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Eine Stadt mit vielen Menschen (Bild: Netflix)

Marseille (Netflix)

Spätestens mit Anpfiff der EM wird jeder von uns wieder daran erinnert, dass Fußball einfach immer zieht. Das weiß Bürgermeister Robert Taro, gespielt von Gérard Dépardieu, der sich in der ersten Szene des Piloten im Stadion von Olympique Marseille zeigt. Was noch so zieht beziehungsweise gezogen wird: Koks (ebenfalls in der ersten Szene), Sex (erst später) und Intrigen (die ganze Zeit).

Taro ist seit 20 Jahren im Amt und gedenkt abzudanken. Seine Nachfolge hat er dem jungen Lucas Barrès (Benoît Bagimel) in die Hände gelegt, den er als seinen Zögling begreift, und der sich gut manipulieren lässt. Was Barrès aber gar nicht gut findet. Bevor Taro allerdings die Zügel abgibt, möchte er noch sein letztes großes Projekt durchbringen: Den Umbau eines Teils des Hafens zum Jachthafen mit Kasino und Luxushotels. Marseille soll zur Hauptstadt Südeuropas werden, wie er es ausdrückt.

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Reiche Tochter und arabischer Gangster (Bild: Netflix)

Was willst du sein, Marseille?

Wir begleiten Taro et al durch die Untiefen der Politik, seine Tochter Rachel in eine Zeitungsredaktion und in die übergriffigen Hände des unerfolgreichen Junggangsters Eric, sie, die gleichzeitig mit der Sekretärin von Lucas Barrès befreundet ist, der seinerseits mit der Oppositionsführerin schläft. Und hier offenbart sich einiges von dem, was mit Marseille nicht stimmt. So sexy die Serie auf den ersten Blick daherkommt, so wenig Sinn macht, dass wirklich alle Player miteinander verbandelt sind. Daher fühlt sich Marseille leider in keinster Weise so echt an wie die schönen Helikopteraufnahmen der französischen Hafenstadt es suggerieren. Wir folgen den Handlungssträngen wie Fragmenten, die nicht zusammenpassen, weder thematisch noch von der Tonalität her. Wieder und wieder fragt man sich, was Marseille eigentlich sein will. House of Cards in Europa? Gérard-Dépardieu-Gedächtnis-Dokument? Krimi? Gesellschaftsroman? Familienkomödie?

Fazit

Creator Dan Franck und sein Team haben sich mit zu vielen Storylines, die größtenteils klischiert und platt wirken, leider keinen Gefallen getan. So hinterlässt die erste europäische Netflixserie einen ermüdenden Nachgeschmack, auch weil Dépardieu ziemlich verloren in seinem Charakter scheint. Naja, es gibt ja immer noch Fußball.

1 von 5 Wochenendtrips in die Hauptstadt Südeuropas, dreimal am Tag zum Taxipreis!

Jonas
Schnittlauchzüchter a.D.

Man muss Jonas nur ein Stichwort geben und gleich faselt er los, von Gott und unserem schönen blauen Globus und Geburtenraten und Gelenkwellenmittellagern, bis er bei unseren Ureltern Adam und Eva angekommen ist. Und keiner ist klüger als zuvor. Aber ihm machts Spaß, also lasst ihn doch, verdammt noch eins!

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