Max Küng – Ein Lebender im Puppenhaus

Die rasende Klatschreporterin gefangen im schalldichten Raum. Der Immobilienmakler, der einem Blender aufsitzt. Der eitle Fernsehstar, den die Frauen demontieren. Max Küng hat ein Herz für normale Leute und ihre Schwächen. Mit diskretem Humor und spitzer Feder erzählt er uns von der stillen Komik des Alltags. Und wie eine lockere Hausgemeinschaft in der Krise zueinanderfindet.

Max Küng

 

Max Küng, Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück

Roman

Verlag kein & aber

ISBN 978-3-0369-5744-9

Ein Haus, sieben Bewohner, eine Kündigung

Max Küng hat eine pfiffige Idee neu umgesetzt und erzählt von einer Gruppe Leute, deren Gemeinsamkeit die Adresse ist: Lienhardstr. 7, in einem angesagten Viertel von Zürich. Stockwerk für Stockwerk klappt er zu Beginn das Haus auf, und bald sind wir bestens bekannt mit den einzelnen Akteuren:

Der beliebte Fernsehmoderator Tim, den seine Eitelkeit immer neu in die Irre führt und der sich bei keinem Rockzipfel zurückhalten kann, um sich eine vollkommen überflüssige, aber subjektiv wohl dringend notwendige Selbstbestätigung zu verschaffen, bis ihm Judith, seine Frau, eine Falle stellt. Danach ist das Leben nicht mehr so leicht, und seine Fernsehshow wird auch noch abgesetzt.

Judith dagegen entdeckt ihr Herz für Herrn Vischer, den eigentbrötlerischen Mann vom Tiefparterre, der sämtliche Pässe und Gipfel der Schweiz per Fahrrad erobert – und der zum Schluss dem Buch das Ende verschaffen wird, das wir dieser ganzen Haus-Gemeinschaft wünschen.

Ganz oben wohnt Delphine, eine so arg- wie harmlose Kunststudentin, die in Form eines betretbaren Würfels einen schalldichten Raum als Installation konstruiert, in dem eine neugierige Nachbarin fast ums Leben kommt. Die neugierige Nachbarin, Paola, arbeitet für ein Klatschblatt und will den smarten Fernsehmoderator erpressen, um an eine brandheiße Home-Story zu kommen. Der Mann der Journalistin, Fabio, ist im Immobiliengewerbe tätig. Er weiß am besten, wie man dem Immobilieninvestor begegnet, meint er. In seinen strategischen Gedankengängen unterbricht ihn ständig seine Online-Verbindung, über die er ohne Unterlass an Sportwetten teilnimmt. Als ihn ein Immobilienkunde schließlich hereinlegt und ihm die Rechnung für ein Treffen in einem extrem teuren Schlemmerlokal aufhalst, finden wir ihn schon so liebenswert, dass wir als Reaktion gar nicht erst auf Schadenfreude kommen. Bleibt Virginia im 3. Stockwerk, die von ihrem Mann verlassen wurde, was sich aber als ertragreich erwiesen hat, und die von ihrer pubertären Tochter in Atem gehalten wird, obwohl sie sich beide so ähnlich sind.

Und dann kommt der Tag, der alles verändert…

Max Küng: Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück

Max Küng schildert seine Charaktere mit so viel teilnehmenden Beobachtungsgabe, so viel Mitgefühl, dass sie uns ans Herz wachsen, obwohl wir ihnen gar nicht mal so nah sein wollen. Er findet Formulierungen, mit denen er uns einlädt, über seine Helden zu lachen, und doch verrät er sie nicht.

Wen von ihnen mag der Autor wohl am liebsten? Besser zu fragen wäre: Von wem seiner Helden erzählt er die lustigsten, wenn auch entlarvendsten Intimitäten? Von dem weiß er bestimmt deshalb am meisten, weil er ihm oder ihr bevorzugt eigene Charakterzüge angelegt hat. Und das sollte dann Fabio sein, der stets an seine wachsende Wampe und – anders herum – an sein Wohlbefinden denkt. Spätestens hier bemerken wir, dass Max Küng einen warmherzigen Humor hat, dass er zwar seine Figuren, all ihre Neigungen und Schwächen mit spitzer Feder präzis aufs Korn nimmt, dass er aber alle in ihrer Menschlichkeit, mit ihren Sorgen und Freuden ernst nimmt. Er lässt sie irgendwie liebevoll durch ihr Leben laufen.

 

Janina
eine Wortsammlerin

Janina ist gelernte Buchhändlerin und hat in München Theaterwissenschaften studiert. Sie betritt einen Bücherladen oft, ohne genau zu wissen, wonach sie greifen wird. Mal ist es das Cover, manchmal der Titel eines Buchs, der sie aufmerksam macht. Ist das Buch so gut geschrieben wie der Umschlag schön gestaltet ist? Erschließt ihr das Buch eine Welt, die sie noch nicht kennt, oder zeigt ihr Dinge, die sie längst von allein hätte sehen müssen? Diese Fragen stellt sich Janina nicht vorher, sondern beim Lesen. Janina mag die Abwechslung in Thema, Setting oder Stil, nur eines muss das Buch: Die Situationen, die Personen, die Handlung sollen auf jeder Seite etwas an sich haben, das es wert ist, dafür Zeit aufzubringen.

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