Rausch oder Realität: der Martin Suter Elefant vom Uferweg

Wie immer lässt es Martin Suter langsam angehen mit seinem Romanplot. Und wie immer wird es dann ziemlich spannend. Diesmal steht ein kleiner, rosa leuchtender Elefant im Zentrum des Geschehens, das Produkt einer massiven Genmanipulation.

Martin Suter Elefant

 

Martin Suter, Elefant

Roman, 348 Seiten

Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-06970-9

 

Dr. Roux musste schon einige Wochen lang warten, bis auf Sri Lanka eine Elefantenkuh einen Unfall erlitt, ein Helfer das wehrlose Tier töten und ihm seine Gebärmutter entnehmen konnte. Die wird schleunigst nach Zürich geliefern, wo Dr. Roux sein Experiment umgehend ausführt: Er setzt einer Laborratte ein Stück Ovarrinde mit noch nicht befruchtungsfähigen Eizellen ein, die er dann mit Luziferin anreichert, damit ein Leuchten entsteht, und mit Affen-Pigment vom Mandrill, damit sich eine Farbe dazugesellt. Der kommende Elefant soll rosa werden und leuchten.

Solche Experimente hat Roux bereits erfolgreich durchgeführt, dann aber beanspruchte sein Arbeitgeber diese Erfolge für sich und ließ den wahren Schöpfer solcher Wundertiere leer ausgehen. Darum will Dr. Roux jetzt, mit einer potenten chinesischen Gentechnik-Firma im Hintergrund, sei eigener Auftraggeber sein und mit seinen revolutionären Produkten den Markt erobern – zum Beispiel bei den Angehörigen reicher Ölscheichs, wo der Bedarf an lebendigen leuchtenden Kuscheltieren hohe Preise erlaubt. Vom erfolgreich experimentierenden Wissenschaftler ist er zum kommerzorientierten Gentechniker geworden.

Martin Suter spielt mit der Gentechnik

Als nächstes kümmert sich Dr. Roux um Samen für eines der unbefruchteten Eier und um eine Elefanten-Leihmutter. Die findet sich im Zirkus Pellegrini, einem typischen Provinz-Zirkus, der seinen Niedergang mit allerhand einträglichen Geschäften -wie zum Beispiel der Aufzucht von Elefanten- aufhält. Die wichtigste Person dabei ist Kaung, ein Mann aus Myanmar bzw. Burma, der eine Gabe für den Umgang mit Tieren hat, vor allem mit Elefanten. Er beobachtet mit wachsender Skepsis, dann mit heiligen Grauen, was da heranwächst im Bauch der Leih-Elefantin. Für ihn, den Elefanten-Versteher, den die anderen den „Elefanten-Flüsterer“ nennen, entsteht da ein gottgeweihtes Tier. Der betreuende Tierarzt beobachtet ebenfalls mit Staunen, was sich da tut. Schließlich unterschlagen Kaung und der Tierarzt dem Biologen, der das Geschäft seines Lebens wittert, das Ergebnis seiner Experimente: einen rosa leuchtenden Zwergelefanten.

Der Tierarzt, der aus eher irrationalen Gründen das rosa Elefäntchen an sich bringt, begibt sich in höchste Gefahr. Die chinesische Firma hat genug Geld, ihm jemanden auf den Hals zu hetzen. Doch dann erleidet er ohne Fremdeinwirkung einen Unfall.

Hier beginnt die Geschichte zum Krimi zu werden. Der kleine rosa Elefant landet bei Fritz Schoch, einem Stadtstreicher, ehemals Investment-Banker, der zunächst glaubt, er sehe statt der bekannten weißen Mäuse jetzt wohl rosa Elefanten.

Martin Suter inszeniert eine Jagd auf die selbsternannten Elefantenretter. Fritz Schoch verbindet sich mit einer Tierärztin, Kaung hilft den beiden, und Zirkusdirektor Pellegrini macht die Hilfe wieder zunichte. So bleibt es spannend, wenn Dr. Roux und sein chinesischer Mann fürs Grobe auf die Jagd nach dem rosa Elefanten und seiner Entführer gehen. Mehr soll hier nicht verraten werden, außer: Alles wird gut. Von Anfang an sehr gut sind wieder mal Suters feine und zuweilen ironisch-boshafte Beobachtungen aus der Geschäftswelt. Was er sonst in kurzen, kabarettfähigen Texten über die Business-Class veröffentlicht, fließt hier immer wieder ein und macht neben der eigentlichen Geschichte um den kleinen rosanen Dumbo noch extra Vergnügen.

Janina
eine Wortsammlerin

Janina ist gelernte Buchhändlerin und hat in München Theaterwissenschaften studiert. Sie betritt einen Bücherladen oft, ohne genau zu wissen, wonach sie greifen wird. Mal ist es das Cover, manchmal der Titel eines Buchs, der sie aufmerksam macht. Ist das Buch so gut geschrieben wie der Umschlag schön gestaltet ist? Erschließt ihr das Buch eine Welt, die sie noch nicht kennt, oder zeigt ihr Dinge, die sie längst von allein hätte sehen müssen? Diese Fragen stellt sich Janina nicht vorher, sondern beim Lesen. Janina mag die Abwechslung in Thema, Setting oder Stil, nur eines muss das Buch: Die Situationen, die Personen, die Handlung sollen auf jeder Seite etwas an sich haben, das es wert ist, dafür Zeit aufzubringen.

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