Louise Erdrich spielt uns das Lied von Tod und Vergeltung

Ein Jagdunfall. Landreaux Iron hat den Sohn seines Nachbarn erschossen, der zugleich sein Neffe ist, weil er ihn im Hintergrund, in einem Baum hinter dem Hirsch, auf den er es abgesehen hatte, nicht bemerkte. Dann hat er auch noch falsch reagiert, so dass der 5-jährige Dustin nicht mehr gerettet werden kann. Ein packendes Psychodrama unter den Indianern Nordamerikas, von der amerikanischen Schriftstellerin Louise Erdrich – Tochter eines deutschen Metzgers und Enkeltochter des Häuptling der Chippewa Indianer in North Dakota.

 

Louise Erdrich, Ein Lied für die Geister

Roman

Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder

444 Seiten, 21,95 Euro

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Schuld und Sühne bei den Indianern

Landreaux ist der Typ eines Mannes, der Gelassenheit ausstrahlt, Lässigkeit, Eleganz. Aber es passiert ihm gelegentlich, dass er anderen Schaden zufügt. Einen Jungendfreund hat er zum Krüppel gemacht, als er auf ihn sprang. Auch bei dem Jagdunfall erweist er sich als unfähig, mit dem Unglück umzugehen, das er anrichtet.

Er entstammt einer Familie von Indianern, auch seine Frau hat indianisches Blut. Sie leben in North Dakota, einem der am dünnsten besiedelten amerikanischen Bundesstaaten, und sie gehören der Nation der Ojibwe an. Jetzt will Landreaux, weil das der Brauch sei unter Indianern, seinen eigenen Sohn LaRose als Ersatz an Dustins Familie abgeben. Damit löst er nicht nur in seiner Frau Emmaline eine heftige Anti-Reaktion aus.

Emmalines Schwester und zugleich Dustins Mutter ist Nola. An ihr nagt der Schmerz über den Verlust des Kindes. Sie findet Landreaux‘ Idee vom Ersatz verstörend. Nur Peter, Nolas Mann, versucht, sich in die verwirrende Situation einzufinden. Vom Verstand her können alle dem Vorgang folgen: LaRoses Schwestern und Brüder, die Erwachsenen, und auch Maggie, Dustins ältere Schwester. Doch lange hält dieser Frieden nicht. Nola gerät in den Strudel einer depressiven Psychose und wird nur knapp am Selbstmord gehindert, Emmaline will sich doch nicht mit diesem willkürlichen Verlust ihres leiblichen Kindes abfinden. LaRose (der Ersatz-Junge) und Maggie, die Schwester des getöteten Dustin, erkennen am besten, was für Probleme entstehen, ohne genau zu begreifen, nach welchen Regeln hier gespielt wird.

Die Gelassenheit des Bösen

Maggie entwickelt visionäre Fähigkeiten, sie erlebt die Natur, als sei sie selbst ein Wesen über der sinnlichen Wahrnehmung. LaRose spürt die latente Gefahr von Gewalt und versteckt die Messer, die Patronen der Gewehre und was sonst noch gefährlich werden könnte. Während Maggie im Wald einen Jungen verführt und sich eins werden fühlt mit einer Eule, die sie kurz zuvor attackiert hatte, verabreden sich Peter und Landreaux, auf dass Peter den Mörder seines Sohns erschießen solle. Wieder so ein archaischer Gedanke, dem sich Landreaux, der Indianer, unterwerfen will. Doch LaRose hat vorgebeugt, das Gewehr ist entladen. Die Eltern, die der Unfall zutiefst erschüttert hat, können sich nicht auf diese Art befreien. Sie müssen sich wieder einfinden ins Leben, so, wie es nun geworden ist.

Uns Leser stellt dies Buch vor eine existenzielle Fragen – Wie würden wir empfinden? Und was würden wir richtig finden?

Louise Erdrich

Louise Erdrich, selbst Tochter einer Indianerin und eines Deutschamerikaners, verortet viele ihrer zahlreichen Romane im Grenzgebiet eines fiktiven Reservats, ähnlich vielleicht dem, in welchem sie selbst aufwuchs. Hier spielt sie uns das Lied von Tod und Vergeltung nach den archaischen Regeln der Indianer. Nach und nach verstrickt sie uns in die heftigen Empfindungen ihrer Helden. Wir fühlen mit dem tollpatschigen Landreaux genauso wie mit der gebrochenen Nola. Es ist ein Drama antiken Ausmaßes, zugeschnitten auf unsere Welt. Groß.

Janina
eine Wortsammlerin

Janina ist gelernte Buchhändlerin und hat in München Theaterwissenschaften studiert. Sie betritt einen Bücherladen oft, ohne genau zu wissen, wonach sie greifen wird. Mal ist es das Cover, manchmal der Titel eines Buchs, der sie aufmerksam macht. Ist das Buch so gut geschrieben wie der Umschlag schön gestaltet ist? Erschließt ihr das Buch eine Welt, die sie noch nicht kennt, oder zeigt ihr Dinge, die sie längst von allein hätte sehen müssen? Diese Fragen stellt sich Janina nicht vorher, sondern beim Lesen. Janina mag die Abwechslung in Thema, Setting oder Stil, nur eines muss das Buch: Die Situationen, die Personen, die Handlung sollen auf jeder Seite etwas an sich haben, das es wert ist, dafür Zeit aufzubringen.

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