Castle Freeman – Weiter auf die sanfte Tour

Der große amerikanische Krimi-Autor Castle Freeman, der schon ein halbes Duzend Bücher geschrieben hat, aber erst 2016 ins Deutsche übersetzt wurde, beglückt uns am 30. Januar mit einem neuen Werk über die Coolness der Redneck-Gesellschaft in den USA: Kein Wort und keine Emotion zu viel, dabei spannend bis zum Ende.

Castle Freeman Auf sanfte Tour

 

Castle Freeman, Auf die sanfte Tour

Roman, übersetzt von Dirk van Gunsteren

185 Seiten, 19 Euro

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Trocken, lakonisch, lässig

Männer mit Erfahrung“ wäre sicherlich auch für diesen Roman von Castle Freeman ein guter Titel – wegen des Pascha-Sheriffs, der erzählt, wie er sich in seiner Ruhe und Gemütlichkeit aber so gar nicht stören lassen will (und auch nicht stören lässt) von irgendwelchen Vorfällen, die er zu untersuchen und zu klären hat. Er lässt sich einiges an Unfreundlichkeiten von seinem diensteifrigen zweiten Sheriff gefallen. Er hat viel Zeit, um zu räsonieren, was es mit dem Leben auf sich hat. Und während wir das lesen, überkommt uns immer mehr ein trockenes Lachen über diesen Kauz, der eigenwillig und nur scheinbar machtlos die Leute manipuliert und gegeneinander ausspielt, und alle Angriffe gegen sich ins Leere laufen lässt, als wäre er ein amerikanischer Kleinstadt-Aikido-Meister.

In der Welt dieser hinterwäldlerischen amerikanischen Provinz gelten ein paar Sprüche und Regeln, die wir aus dem Kino-Western kennen, die aber wohl bis heute in so manchem Kopf des weiten amerikanischen Landes ihren Platz haben. Ein paar Beispiele: Kleinkalibrige Pistolen haben im echten Leben nichts zu suchen, es sei denn, man führt sie in die Oper aus. Die französische Provence ist hier unbekannt, aber wenn das geklärt ist, versteht man, dass beim Ortsnamen Paris eben von ganz Frankreich die Rede ist. Und ein Schwerverbrecher mit internationalem Steckbrief, der also schon in einigen Ländern aktiv war, der ist „praktisch die UNO“.

Gar nicht auf die sanfte Tour

In diesem Roman geht es um eine russische Mafia, die einen lokalen jugendlichen Tunichtgut verfolgt, weil er einen Safe mit Datenspeichern geklaut hat. Die Daten müssen wieder zu den Mafiosi, und dem jungen Dieb wird sein Raub wohl schlecht bekommen. Dabei hatte er es beim Einbruch doch nur auf schnell verkäufliche Gegenstände abgesehen, und den Safe hat er noch nicht einmal öffnen können.

Sheriff Wing ist sich bewusst, dass Sean, der junge Einbrecher, im Grunde ein gutes Herz hat und dass man ihn nur reifer werden lassen muss. Darum sperrt er ihn nicht ein und schützt ihn vor der Wirklichkeit eines Racheakts der russischen Mafia. Aus der ganz großen Perspektive klug gehandelt. Für den Alltag eher gewöhnungsbedürftig. Als Lesestoff großartig unterhaltsam.

Castle Freeman: Männer mit Erfahrung

Casle Freeman Männer mit Erfahrung

 

In genau derselben scheinbar behäbigen, dabei aber messerscharf kalkulierenden Haltung verhält sich der Sheriff auch in diesem Roman. Eine junge Frau wird von einem Mann, der in der Provinz seine Mitmenschen das Fürchten gelehrt hat, bedroht, bedrängt und verfolgt. Der Sheriff kann nichts tun, solange nichts vorgefallen ist. Und er darf auch nicht anleiten zur Selbstjustiz. Er kann die junge Frau aber aufmerksam machen auf eine Gruppe älterer Männer, zu denen – eine leicht diskriminierende Zuordnung – auch der junge Nate the Great gehört, der ein wenig zurückgeblieben ist, aber das Herz am rechten Fleck und bärige Kräfte hat: „Keiner, der viele Worte machte. Intelligenter als ein Pferd, aber nicht so intelligent wie ein Traktor.“

Der Sheriff löst mit seinen Hinweisen und seiner wenig sheriffmäßigen Zurückhaltung eine Konfrontation aus, an deren Ende der Provinzdespot seine Macht verliert. Der Sheriff ist ein Manipulator, der seine Ruhe haben will, allerding nach den Regeln einer vernünftig funktionierenden Gesellschaftsordnung. Was ihm die Gesetze verwehren, muss er auf andere Art herbeiführen.

Ist das eine Tugend? Auf jeden Fall eine Begabung, und nützlich ist es am Ende auch noch.

Castle Freeman

Castle Freeman ist Texaner, 1944 in San Antonio geboren. Er wuchs in Chicago auf und lebt heute als Lektor und Autor in Vermont, wo seine beiden Romane spielen.

„Männer mit Erfahrung“ wurde 2015 verfilmt. Und : Beide Romane hat Dirk van Gunsteren übersetzt – wie sich das liest, ist er der Richtige dafür.

Janina
eine Wortsammlerin

Janina ist gelernte Buchhändlerin und hat in München Theaterwissenschaften studiert. Sie betritt einen Bücherladen oft, ohne genau zu wissen, wonach sie greifen wird. Mal ist es das Cover, manchmal der Titel eines Buchs, der sie aufmerksam macht. Ist das Buch so gut geschrieben wie der Umschlag schön gestaltet ist? Erschließt ihr das Buch eine Welt, die sie noch nicht kennt, oder zeigt ihr Dinge, die sie längst von allein hätte sehen müssen? Diese Fragen stellt sich Janina nicht vorher, sondern beim Lesen. Janina mag die Abwechslung in Thema, Setting oder Stil, nur eines muss das Buch: Die Situationen, die Personen, die Handlung sollen auf jeder Seite etwas an sich haben, das es wert ist, dafür Zeit aufzubringen.

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