Home Office Teil II: Gründe, die dagegen sprechen

Sibylle sagt: Home Office? Nein, danke, lass mal. Ich geh lieber ins Büro!

Unglaublich, aber wahr: Von Zuhause aus arbeiten hat auch Nachteile. Ein Plädoyer gegen das Home Office.

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Auf Kaffeeklatsch und Tratsch in der Büroküche muss man im Homeoffice (leider) verzichten

Home Sweet Home

Als wir uns über diesen Artikel, noch vor seiner Entstehung, also erst mal nur über „Home Office“ im Allgemeinen, und darüber, ob es für euch interessant sein könnte und einen eigenen Artikel verdient, unterhalten haben, da war uns schnell klar, wie kontrovers das Thema doch ist. Tina findet von Zuhause aus arbeiten nämlich super luxuriös und total praktisch, während ich die letzten Jahre hauptsächlich im Home Office, aka dem „Arbeitszimmer“ unserer Dreizimmerküchebadwohnung, saß und mich nun, nach mehreren Wochen, immer noch jeden Morgen wie Bolle freue, aus dem Haus und in die Redaktion zu kommen.

So fühlt sich Freiheit an! Die frische Berliner Luft (ähm, ok, halbfrisch), das fröhliche Zwitschern der Vögel, die bunten Gemüseberge vorm Türkensupermarkt, ach, die Welt da draußen, jenseits meines sweeten Homes, ist so schön!

Das sagt übrigens die, die sonst gerne die Vorteile des Home Offices (und die damit verbundene Freiheit) lobt. Und von den festangestellten Arbeitnehmern mit Anwesenheitspflicht schrecklichst für eben diese, vermeintliche, Freiheit beneidet wird. Nämlich dann, wenn meine Freundin Hanna bereits morgens um halb acht vor ihren putzmunteren, antiautoritär erzogenen Zweitklässlern (und oft genug auch vor deren nicht minder verzogenen Helikoptereltern) stehen muss. Nadine gerade ihre x-te Nachtschicht in Folge als Assistenzärztin hinter sich gebracht hat. Kerstin schon wieder im Auto sitzt auf dem Weg zum nächsten Außentermin. Und ich mich im Bett nochmal umdrehe und beschließe, noch eine halbe Stunde länger zu schlafen. Oder gerade auf dem Weg an den See bin, weil Sommer ist, die Sonne scheint, morgens um 9 Uhr schon fast 30 Grad sind, und ich lieber erst mal eine Runde schwimmen und ein dickes Eis zum Frühstück essen möchte, bevor ich anfange zu arbeiten. Ja, dann, dann sind sie alle neidisch, und dann ist Home Office wirklich der wunderbarste Luxus, den die Arbeitswelt zu bieten hat.

Leider vergessen einige dabei, dass die Arbeit trotzdem getan werden muss. Dass ich für meine morgendliche Planscherei im See einen hohen Preis bezahle – und abends noch vorm PC sitze, während ihr schon alle im Biergarten seid und mit euren Weizenradlern und Hugos anstoßt. Deswegen werde ich heute mal nicht mit den Vorteilen des Home Office angeben (das hat Tina ja letzte Woche bereits, ausführlich und wissenschaftlich fundiert, getan),  sondern euch die nackte Wahrheit, die unschönen Nachteile des Arbeitens von Zuhause aus, offenbaren. Das tue ich übrigens, wie passend, von meiner Couch aus. Ich bin heute nämlich im Home Office.

Das Zeit- und Selbstmanagement

Diese vermeintlich freie Zeiteinteilung, die das Home Office mit sich bringt, erfordert ein hohes Maß an perfektem Zeitmanagement und eiserner Selbstdisziplin, gerade weil kein Chef ein waches Auge auf einen wirft, der kollegiale Gruppenzwang im Großraumbüro zur Produktivität zwingt, und der Nine-to-Five-Job, wie der Name ja schon sagt, vorgibt wann die Arbeit zu erledigen ist. Und dieses Selbstmanagement, das will erst einmal gelernt sein. Klingt ganz schön banal, aber das Arbeiten von Zuhause aus steht und fällt mit der richtigen Planung.

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Schürt zu Unrecht Neid und Vorurteile: Im Homeoffice wird meist mehr und härter gearbeitet als im Büro

Das heißt: Privates und Berufliches, auch und vor allem in den eigenen vier Wänden, strikt trennen.

Versuche ich seit Jahren jeden Tag aufs Neue, und seit Jahren scheitere ich daran täglich, kläglich. Weil ich mir erstmal noch schnell einen Kaffee mache, während der Rechner hochfährt, und nebenher geschwind die Spülmaschine ausräume. Muss ja eh gemacht werden, dauert ja keine zwei Minuten. Dann fang ich an zu arbeiten, nach einer halben Stunde klingelt mein Handy, Jojo ruft an, und ich geh ran, weil ich ja Zuhause bin. Im Büro, zwischen all den Kollegen, würde ich nicht mal eben so nen privaten 10 Minuten Talk einschieben. Und, ganz ehrlich, vermutlich würde auch keiner meiner Freunde einfach so zum Quatschen anrufen. Machen sie aber. Und nicht gerade selten. Denn ich bin ja eh Zuhause. Dass ich auch hier konzentriert arbeite, erscheint einigen recht realitätsfern. Vor allem den Leuten, die unangemeldet vorbei schauen, nur kurz auf einen Kaffee, und dabei unbewusst, und ohne böse Absicht, meinen kompletten Zeitplan durcheinanderwirbeln. Denn ich bin ja eh Zuhause. Da kann ich ja auch mal spontan eine Pause machen. Schon klar. Und weil ich sowieso gerade nicht arbeite, schmeiß ich noch eine Ladung Wäsche in die Maschine, die wäscht sich ja quasi von alleine. Nach 90 Minuten des konzentrierten Arbeitens piept die Waschmaschine, ich muss die Wäsche aufhängen.

(Das glaubt mir jetzt zwar eh keiner, aber just während ich diesen Satz schreibe, piepst die Waschmaschine. Ich häng mal schnell die Wäsche auf, die müffelt ja sonst, bin gleich wieder da!)

Dann klingelt es an der Tür, der Postmensch fragt, ob ich ein Päckchen für die Nachbarn annehme. Mache ich natürlich, das weiß der Postmann, das wissen die Nachbarn, ich bin ja eh Zuhause. Kaum wieder am Arbeiten, klingelt der Nachbar, um das Päckchen abzuholen. Die nächsten zwei Stunden komme ich gut voran, dann hat der Typ aus der WG oben Feierabend und versüßt mir den Nachmittag mit intensiver, Wände-wackelnder Beschallung in Form der neusten Ballermann-Compilation. Geil. Nicht. Ich suche meine Kopfhörer, um die plumpe Schlagermucke mit einer netten Nebenher-Musik-Spotify-Playlist zu übertönen, sie liegen nicht auf dem Schreibtisch, ich suche weiter, finde sie nach einer Weile im Wohnzimmer unterm Sofa, der Mann hat sie sich wohl „geborgt“ und vergessen, sie zurück zu bringen. Apropos Mann, mittlerweile ist es Abend, der Göttergatte kommt von der Arbeit, und wundert sich, dass ich immer noch am Schreibtisch sitze. Haha.

Kurzes Zwischenfazit: Egal, wie talentiert und selbstbeherrscht man auch arbeitet, Zuhause lenkt einen doch viel mehr ab, als einem lieb ist, gerade weil die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben, Job und Freizeit oft fließend sind.

Versucht, alle Ablenkungen auszublenden, den Stapel Geschirr Geschirr sein zu lassen, und, am aller wichtigsten:

Nur 70 Prozent der eigentlichen Arbeitszeit auch wirklich fest verplanen! Denn irgendwas kommt immer noch dazwischen, hält auf oder verzögert sich. Und bringt so den Plan für den ganzen Tag durcheinander. Dieser Zeitpuffer hilft, Unvorhergesehenes ohne Streß und Druck zu erledigen und erspart so die Frustration am Ende des Arbeitstages, die unweigerlich eintritt, wenn nicht alle Punkte von der To-Do-Liste abgehakt sind.

Und falls am Ende des Arbeitstages wirklich noch Zeit übrig ist, dann kannst du immer noch die Wäsche waschen. Oder mit deiner Freundin skypen. Oder Kaffee trinken.

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Zuhause ist es doch am schönsten. Oder?

Feierabend? Was ist das?

Wie ich eingangs ja schon erwähnt habe, sind wir fleißigen Arbeitsbienchen, die die Möglichkeit haben, im Home Office zu arbeiten, oftmals Ziel einer eifersüchtigen Mischung aus Neid und Bewunderung.  Ich frage mich da ja ehrlich gesagt immer, warum. Ist ja nicht so, dass ich hier eine Armada an Heinzelmännchen unterm Schreibtisch versteckt hätte, die für mich die Texte schreiben. Nein, die Arbeit will und muss trotzdem erledigt werden, pünktlich und gut, besser noch: perfekt. Denn gerade, wenn man von Zuhause aus arbeitet, und die eigene Produktivität der freiwilligen Selbstkontrolle unterliegt, ist man oftmals fleißiger als im Büro.

Das liegt aber gar nicht unbedingt an der überschäumenden Motivation, sondern mitunter auch daran, dass man nicht den Eindruck erwecken möchte, Zuhause nur zu faulenzen. Der Druck, Quantität (und Qualität) abzuliefern, ist einfach um einiges höher als im Büro, in dem man ständig unter Beobachtung steht. Und auch das vom Vorgesetzten entgegengebrachte Vertrauen, das selbstständiges Arbeiten im Home Office voraus setzt, darf nicht enttäuscht werden.

Aber sicherlich trifft mich auch eine Teilschuld, wenn der Eindruck entsteht, ich hätte zu viel Freizeit und würde seltenst arbeiten. Dem durchschnittlichen Arbeitnehmer ist das eben suspekt, wenn man die Zeit findet, regelmäßig Mittwochs vormittags zum Pilates zu gehen, oder am ersten warmen Frühlingsnachmittag mit einer Freundin im Sonnenschein durch Kreuzberg flaniert.

Nur: die Arbeit muss eben trotzdem erledigt werden. Keine festen Arbeitszeiten zu haben, bedeutet nicht, weniger effektiv zu arbeiten, es bedeutet viel mehr, keinen regulären Feierabend zu haben. Ich kann sie nicht zählen, die Abende und Nächte, die ich hinterm Computer verbracht habe. Die Wochenenden, an denen ich „nur mal schnell“ die Mails checken wollte (allein die Tatsache, dass es mir selbstverständlich erscheint, am Sonntag Morgen vorm Frühstück nur mal schnell die Mails zu checken), und drei Stunden später immer noch an der Tastatur festhing. Während ihr alle fröhlich im Prenzlberg authentisch schwäbische Brezeln in euch reinbruncht. Muckelig mit dem Freund auf der Couch lümmelt und Tatort guckt. Und euch keinerlei Gedanken darüber macht, dass mein freier Montag teuer mit einem arbeitsreichen Sonntag erkauft wurde.

Nein, glaubt mir, euer Neid ist fehl am Platze. Ich bin ein wenig neidisch. Manchmal. Auf eure minutiösen Acht-Stunden-Jobs, auf euren (meist pünktlichen) Feierabend. Und vor allem darauf, dass eure Arbeit bei der Arbeit und nicht in eurem Zuhause ist.

 

Bei mir ist jeder Tag „Tag der Jogginghose“

Leute, die zur Arbeit in putzigen Uniformen oder steifen Anzügen erscheinen müssen, ok, und auch die meisten anderen, freuen sich abends ganz besonders auf ihre Jogginghose.

Mädels, der Moment, in dem frau endlich den BH ausziehen kann, den kennen wir doch alle! Freiheit für die Brüste!

Wenn man jetzt allerdings im Home Office arbeitet, dann schleicht sich das ganz langsam ein. Dieses tägliche Arbeitsoutfit aus löchrigen Yogapants und kuschligem Cardigan (mindestens zehn Jahre alt, verfilzt). Irgendwann fällt man einfach direkt vom Bett auf den Schreibtischstuhl, immer noch im Schlafanzug, der ist ja auch viel kuscheliger als Jeans, und warum auch anziehen, warum die Haare machen, wenn man sowieso nicht vor die Tür geht? Was zu Beginn noch wie ein gemütlicher Wochenendlook erscheint und dem Home Office ein wenig die Atmosphäre einer Pyjamaparty verleiht, kann mit der Zeit zu einer ernsten Form der Verwahrlosung mutieren.

Du solltest dann anfangen, dir Gedanken zu machen, wenn du um 19 Uhr panisch ins Bad rennst, um dir zumindest schnell die Zähne zu putzen, bevor dein Freund von der Arbeit kommt. Und spätestens wenn dich dein Postbote auf der Straße nicht erkennt, weil er dich sonst jeden Tag nur im ausgeleierten Abishirt und deiner Schlafihose mit Katzenprint sieht, dann ist es an der Zeit, den Gammellook auch Zuhause gegen ein Businessoutfit zu tauschen. Allein schon fürs persönliche Selbstwertgefühl. Denn Kleider machen ja bekanntlich Leute!

Homeoffice-Schreibtisch-Europalette
Das Homeoffice: Schön, aber einsam. Der direkte Kontakt zu den Kollegen fördert nicht nur den Teamgeist, sondern auch die Produktivität.

Soziale Kontakte

Marissa Mayer, die Frau an der Spitze von Yahoo, schockte Anfang 2013 ihre Mitarbeiter (und weite Teile der Internetgemeinde, befürchtete man doch, die Aktion von Frau Mayer könnte zahlreiche Nachahmer finden), in dem sie das Home Office für ihre fleißigen Schäfchen knallhart einkassierte und diese zurück in die Unternehmenszentrale beorderte; Business im Büro statt in der Hängematte ist seitdem bei Yahoo wieder an der Tagesordnung.

Begründet hat Marissa Mayer diesen Schritt wie folgt:

„Um der absolut beste Arbeitsplatz zu werden, sind Kommunikation und Zusammenarbeit wichtig, also müssen wir Seite an Seite arbeiten. (…) Wir müssen ein Yahoo sein, und das beginnt damit, dass wir physisch zusammen sind.“

Fakt ist: Wer Zuhause im Home Office arbeitet, dem fehlt ganz einfach der direkte Kontakt zu den Kollegen. Auch, und vor allem, in Zeiten von Skype-Konferenzen und WhatsApp-Gruppen. Diese täuschen auf den ersten Blick zwar vermeintliche Nähe vor, tatsächlich sitzen wir aber eben doch alle in verschiedenen Zimmern, Städten, Ländern. Und viele der wichtigen Entscheidungen, grandiosen Ideen und neuen Erkenntnisse entstehen eben nicht in der minutiös geplanten Telefonkonferenz, sondern nebenbei, auf dem Flur, in der Mittagspause, am Kaffeeautomaten. Die Arbeitsatmosphäre, das Team, das Gemeinschaftsgefühl tragen genauso zum erfolgreichen, effektiven Arbeiten bei, wie das Wissen und die Kompetenz der einzelnen Mitarbeiter.

Und nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht spielt der Austausch mit den Kollegen eine große Rolle. Die sozialen Kontakte im Home Office beschränken sich nämlich oft auf bereits erwähnte, seltene Begegnungen, wie einem kurzen Plausch mit dem Briefträger, und sind somit quasi zu vernachlässigen. Für uns Menschen, die wir ja sozusagen Herdentiere sind, ist die Kommunikation mit Gleichgesinnten essentiell und lebensnotwendig. Was passiert, wenn man zu wenig Kontakt zu seinen Artgenossen pflegt, lässt sich wunderbar am Beispiel ‚Mogli‘ aus dem Dschungelbuch betrachten. Ganz so dramatisch ist das beim Durchschnittshomeofficer natürlich nicht, aber wer schon mal über längeren Zeitraum von Zuhause aus gearbeitet hat, der weiß, was ich meine.

Und nun?

Lieber doch wieder jeden Tag ins Büro?

Wie so oft im Leben gilt auch hier: Die richtige Mischung macht’s! Ich persönlich arbeite an manchen Tagen gerne von Zuhause aus, an anderen lieber im Büro, und bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit habe, meinen Arbeitsalltag so frei zu gestalten.

Was meint ihr dazu? Arbeitet ihr lieber im Büro oder Zuhause? Kennt ihr die Probleme, die das Home Office (ob nur ausnahmsweise, weil der Stromablesemensch kommt, oder als Dauerzustand, da Freelancer), so mit sich bringt? Oder ist das hier für euch nichts mehr als Piensen auf hohem Niveau, denn so lange der Job Freude (und Geld) bringt, ist es doch völlig egal, wo man arbeitet? Ich bin gespannt auf eure persönlichen Erfahrungsberichte, Tipps und Anekdoten zum Thema!

 

Sibylle
Rotkäppchen

Hat einen Faible für schöne, unnütze Dinge – und ist somit bei Zitronenzauber zuständig für Deko und Interior, Lifestyle und ästhetisches Allerlei. Ihre andere große Leidenschaft: Essen. Also Essen essen. Und Essen machen. Und drüber schreiben. Yum. Geht immer: Bier, Käse und Schokolade. Flamingos. Überhaupt alles was Rot ist. Reisen. Riesenräder. Geht gar nicht: Bananen. Winter und kalt. Bananen. Und Bananen.

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