Jiro dreams of Sushi – Netflix

Gutes Essen kann wie klassische Musik sein. Jede Note folgt bewusst auf die vorherige, jede Harmonie oder Disharmonie hat ihren Platz, um dem Gesamtkunstwerk, dem Stück, dienlich zu sein. Gutes Essen hat seinen Rhythmus, es hat seine Synkopen, und gutes Essen ist von meisterlicher Hand geplant, um dieses musikalische Erlebnis gustatorisch erlebbar zu machen, so dass erst im Rückblick jede einzelne Kadenz verstanden werden kann.

gesehen bei Adam Goldberg - flickr.com
gesehen bei Adam Goldberg – flickr.com

Lebenslanges Lernen

Ein besonderer Dirigent ist Jiro, der Protagonist der Dokumentation Jiro dreams of Sushi (Regie&Buch: David Gelb), die es bei Netflix zu sehen gibt. Jiro betreibt seit Jahrzehnten sein Sushirestaurant in Tokio und ist gar nicht der extrovertierte Maestro, als den wir uns einen Dirigenten häufig vorstellen. Nein, Jiro ist mit seinen 85 Jahren ein ruhiger, beharrlicher Perfektionist, der sich immer noch auf dem Weg begreift. Seit über fünfzig Jahren macht er Sushi, und noch immer hält er sich nicht für fertig, noch immer, sagt er, lernt er dazu (Lehrer Lämpel hätte seine helle Freude an diesem Mann, RIP). Und es macht Spaß, ihm zuzusehen, mit welcher Hingabe er den Reis knetet, mit welcher Leichtigkeit er den Fisch schneidet, wie elegant er dem Sushi seinen letzten Schliff verleiht und ihn dem seligen Gaste serviert. Dafür ist Jiro seit Jahren Träger von drei Michelin-Sternen, die per definitionem sagen, dass sich eine Reise nach Japan allein für dieses Restaurant lohnen würde.

Der Film begleitet Jiro und seine Söhne Yoshikazu und Takashi, von denen ersterer mit 50 Jahren im ersten Restaurant seines Vaters arbeitet, und letzterer, der etwas jüngere von beiden, mittlerweile ein eigenes Lokal aufgemacht hat. Der älteste Sohn muss den Vater im Ur-Restaurant beerben, wenn dieser einmal nicht mehr ist. Anhand dieser Familienkonstellation illustriert der Film japanische Traditionen und Gesellschaftshierarchien, genauso wie durch die Arbeitsprozesse im Restaurant, wo Lehrlinge erst Fisch schneiden dürfen, nachdem sie gelernt haben, wie man das Handtuch für die Gäste richtig wringt. Liebevoll, aber akribisch genau wird jeder Handgriff vom Meister kommentiert.

Surrealistisch mutet die Szene auf dem Fischmarkt an, sicherlich nichts für leicht aus der Fassung zu bringende Vegetarier, auf dem im kleinsten Detail die Qualität von frisch gefangenem Tunfisch analysiert wird, und wo Fischauktionäre sich in überschlagenden Stimmen mit Wall-Street-Brokern messen könnten.

Und wunderschön für Augen und Ohren ist die Sequenzen, in denen die klassische Musik sich mit den Bildern des appetitlich zubereiteten Sushis verwebt, dem immer wiederkehrenden Schneiden des Fisches, dem Kneten des Reis, dem Bestreichen des Sushis.

Der Film als Film ist nicht perfekt, merkwürdige Schnittentscheidungen lassen mich ab und an stutzen, und ab einem gewissen Punkt hat man dann doch gesehen, wie Sushi zubereitet wird. Er schafft es aber, sein Kernthema, die Perfektion und den Stoizismus des Protagonisten zu transportieren.

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Der Maestro vor seinem Restaurant in einer Metrostation

Hunger? Ich schon.

Jiro liebt seine Arbeit, er möchte nichts tun als Sushi zuzubereiten, jeden Tag. Wenn man diesem Mann bei seiner Arbeit zusieht, bleibt nur Bewunderung für die Feinheit und Hingabe, mit der er und seine Söhne ihr Leben dem Sushi gewidmet haben. Ich möchte mich selbst in diesem Moment in die Küche stellen und der Perfektion entgegenarbeiten.

Vielleicht reicht es für den Moment aber auch, auf eine Japan-Reise zu sparen und nach unten an die Straße zu gehen, mir Sushi vom Asiamann zu holen und eine kleine Träne zu vergießen. Denn nie, niemals wird es so schmecken können, wie es bei Jiro aussieht.

Jonas
Schnittlauchzüchter a.D.

Man muss Jonas nur ein Stichwort geben und gleich faselt er los, von Gott und unserem schönen blauen Globus und Geburtenraten und Gelenkwellenmittellagern, bis er bei unseren Ureltern Adam und Eva angekommen ist. Und keiner ist klüger als zuvor. Aber ihm machts Spaß, also lasst ihn doch, verdammt noch eins!

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