Endlich auf Deutsch – Chinua Achebe: Einer von uns

Chinua Achebe – Fast hätte ihn sein vierter Roman „The Man of the People“ das Leben gekostet. Jetzt erschien nach 50 Jahren endlich die deutsche Übersetzung dieses frühen Werkes des 2013 verstorbenen Vaters der modernen afrikanischen Literatur.

chinua achebe

Chinua Achebe, Einer von uns

Aus dem Englischen von Uda Strätling

192 Seiten, Verlag S. Fischer

ISBN: 978-3-596-95023-2

 

Der Nigerianer Achebe galt schon zu Lebzeiten als Klassiker.

Nach dem Erscheinen dieses Romans 1966 in London wurden seinem Autor seherische Fähigkeiten attestiert, denn wenige Wochen später kam es in Nigeria zu einem Militärputsch und dann zum Bürgerkrieg. Im Zentrum steht der junge Odili, Lehrer an der Höheren Schule von Anata, seinem Heimatort irgendwo in der nigerianischen Provinz. Einer seiner früheren Lehrer ist Chief Nanga, jetzt Kultusminister, energischer Machtmensch mit mehreren Frauen, der seinen Posten mit allen Listen und Tücken einschließlich Amtsmissbrauch und nackter Gewalt zu behaupten weiß.

Heute steht Nangas Besuch in der Höheren Schule von Anata an, das ganze Dorf, all die Parteigänger und Nutznießer des patriarchalischen Systems von Gängelung, Kumpanei und Bereicherung  haben sich eingefunden bis hin zu einigen Folkloregruppen, zu deren Musik Nanga beim Abschreiten der Front seiner Anhänger jeweils ein paar Tanzschritte vollführt. Odili will eigentlich kritisch bleiben und Distanz zeigen, aber Nanga erkennt ihn wieder, sogar mit Namen, und schön bröckelt Odilis Stolz.

Böse Satire und große Liebe

Chinua Achebe verleiht seinem Helden einiges an Selbstironie, so dass er uns sehr schön berichten kann, was ringsum und in ihm selbst vor sich geht. Odili verliebt sich in ein Mädchen aus Nangas Umgebung, Edna, die Nangas nächste Frau werden soll, weil deren Vater dabei Gewinn macht. Außerdem ist die eigentliche Gattin, „Missus Nanga“, die mit ihren sieben Kindern noch eine sehr gute Figur macht, doch zu sehr „Busch“. Edna ist eher „Buch“, das kommt besser an in einer Gesellschaft, deren Orientierungen eher der alten Kolonialmacht entsprechen, als dass sie der originären Identität Rechnung tragen. Obwohl alle, wenn von Weißen Kritik geäußert wird, empfindlich reagieren.

Odili schließt sich einer politischen Oppositionsgruppierung an und erlebt, wie sein politischer Anführer brutal getötet und von der Lebensgefährtin kühl gerächt wird, tritt selber auf und wird, als er eine von Nangas Wahlkampfversammlungen besucht, fast totgeschlagen. Aber die Zeiten stehen auf Sturm und auf Wechsel: Marodierende Wahlkampfschläger aller Kandidaten haben das Land ins Chaos gestürzt, so dass die Armee putscht und die Regierenden einsperrt. Da ist die Politik schon Nebensache geworden neben Odilis großer Liebe zu Edna, die zuletzt ihre Erfüllung findet.

Odili hat uns eine Episode aus seinem Leben erzählt. Für ihn handelt sie von der Liebe, für uns von Nigeria und anderen Ländern, in denen parteipolitische oder religiöse oder regional motivierte Kumpanei zu Korruption und Diktatur führen. Odilis selbstkritischer Humor hat ihn uns ans Herz wachsen lassen, seinen Bericht zu lesen ist – auch dank der Übersetzung – ein kurzweiliges Vergnügen.

Janina
eine Wortsammlerin

Janina ist gelernte Buchhändlerin und hat in München Theaterwissenschaften studiert. Sie betritt einen Bücherladen oft, ohne genau zu wissen, wonach sie greifen wird. Mal ist es das Cover, manchmal der Titel eines Buchs, der sie aufmerksam macht. Ist das Buch so gut geschrieben wie der Umschlag schön gestaltet ist? Erschließt ihr das Buch eine Welt, die sie noch nicht kennt, oder zeigt ihr Dinge, die sie längst von allein hätte sehen müssen? Diese Fragen stellt sich Janina nicht vorher, sondern beim Lesen. Janina mag die Abwechslung in Thema, Setting oder Stil, nur eines muss das Buch: Die Situationen, die Personen, die Handlung sollen auf jeder Seite etwas an sich haben, das es wert ist, dafür Zeit aufzubringen.

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